153. – Samstag, 8. Oktober (kurz nach Mitternacht)

Liebe Lala,

Ich kann nicht schlafen. Macht aber nix: morgen heute ist Mama-Wochenende, da kann ich ausschlafen bis Max kommt. Bis letzte Woche hat Max bei Papa gewohnt. Als er dieses Jahr volljährig wurde, hatte er beschlossen, zu Papa zu ziehen. Einfach so: „Weil ich es kann.“ Papa hatte zwar Bedenken (siehe oben), war aber einverstanden. Letzte Woche (beim Papa-Wochenende) teilte Papa Max und mir mit, dass Leila schwanger ist. Das heißt, dass wir im Frühling eine Halbschwester bekommen (oder einen Halbbruder). Das ist auch der Grund, warum Papa und Leila umziehen. Max hat sich erst mal unglaublich aufgeregt und ist raus gerannt. Ich wollte ihm hinterhergehen. Papa meinte, er kommt gleich wieder. Als er nach zwanzig Minuten oder so wieder kam, hat er erst mal Papa in den Arm genommen. Wie sich herausstellte, war er deswegen sauer, weil Lex vor ihm Bescheid wusste. (Ich hab auch gesehen, dass er ganz verheult war.) Über das Baby freut er sich aber wohl. Ich musste auch fast weinen. Wie peinlich. Das war das erste Mal, dass ich gesehen habe, dass Max Papa von sich aus umarmt. Max ist größer als Papa (nicht viel).

Papa begrüßt uns immer mit einem Kuss auf die Stirn. Seit die Chorknaben so groß sind wie er (Lex ist ungefähr gleich groß wie Papa), sieht das immer ein bisschen komisch aus, weil sie sich immer ein bisschen vorbeugen müssen.

Lex ist eigentlich gar nicht mehr im Chor. Er studiert aber jetzt Gesang. Und Max macht jetzt eh was er will, wahrscheinlich geht er kaum noch zu den Chorproben. Dafür spielt er in einer Band Schlagzeug und Bass – und singt natürlich. Er hat eine voll schöne Stimme. So wie Papa, nur höher. Papa sagt, er ist eher Bariton und dass seine Söhne „Heldentenöre“ sind. Er findet zwar Wagner schrecklich, sagt er, er wäre aber bestimmt stolz, wenn einer von ihnen eines Tages den Siegfried gäbe.

Papa heißt nämlich eigentlich Siegfried, auch wenn ihn alle Fritz nennen.

Mama fährt total auf Wagner ab. Eine Zeit lang sah es so aus, als würden wir nach Bayreuth ziehen, aber Mama wollte dann wohl doch nicht die Wohnung aufgeben. Mama kommt aus Bayreuth. Bei Mama weiß man irgendwie nie, wie ernst sie etwas meint.

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