52. – Gemeinschaft (Nur ein Text)

Ich hatte auf dem Weg, bevor ich ankam, schon drei – oder sieben – Texte im Kopf geschrieben, war extra früher aus dem Bus gestiegen, um ein Stück zu Fuß zu gehen.
Ich wusste, ich würde eine Zigarre rauchen, und die Asche dort abklopfen, wo ich so in etwa ihre Asche in der „anonymen Aschengemeinschaftsgrabstätte“ verortete.
Manches im Leben ist poetisch, auf eine bedeutsame Art und Weise. Und umgekehrt.
Die Straße führte ziemlich gerade auf den Friedhof zu. Ich suchte nach Ideen, die jenen Lesern, die dafür offen sind, eine liebevolle Ironie durchschimmern lassen würde.
„In der Emser Straße habe ich Emser Pastillen gekauft.“ Denn eigentlich bin ich erkältet. Und sollte vielleicht gar keine Zigarre rauchen. Das mit der Zigarre würde ich aber auf jeden Fall erzählen wollen. Also anders …
„Die Republik darf in diesem Jahr ihren Sechzigsten feiern, aber meine Mutter nicht.“ Nee, das war zu platt. Wie sollte ich da die Kurve kriegen?
„Breathe“ von Midge Ure lief auf meinem MP3-Player. Zufällig.
Das war das Lieblingslied meiner Mutter. Gewesen. Irgendwann, jedenfalls.
Ich schalte das Ding aus.

Schönes Wetter.

Bei der Floristin kaufe ich beim Betreten des Friedhofes eine gelbe Rose, denn die hatte sich Mutti schon für ihre Beerdigung gewünscht.
Schöne Hände hat die Floristin.

„Oh. Nein, lassen Sie nur, ich brauch‘ das Grüne nicht. Ich brauch‘ nur die …“, sage ich ihr, und: „Ach, schon gut. Danke.“ Denn da ist das Grünzeug auch schon dran. Ich zahle.
Und ich pule das Beizeug ab, und ziehe – nachdem ich den Laden verlassen habe – den Kopf der Rose vom Stängel. Denn Mutti wollte nur die Blütenblätter. Die rupfe ich sehr gewissenhaft vom Blütenkopf, auf der Bank sitzend.
„Sie liebt mich; sie liebt mich nicht“, grinse ich in Richtung Wiese …
Eine gute Handvoll.

Wann habe ich beschlossen, die Blume zu kaufen? Das war gar nicht geplant. Ich muss lachen.
Eine Grabpflegerin schaut auf.
Ich stehe auf, um die Blütenblätter auf das Gras fallen zu lassen.
Ein Blatt liegt etwas abseits. Lege ich es zu den anderen?
Ich setze mich hin, zünde die Zigarre an, und denke paffend darüber nach …
Immer wenn die Asche der Zigarre den Punkt erreicht, an dem sie abfallen könnte, gehe ich zu der Stelle, wo die Rosenblätter liegen. Nur viermal fällt die Asche ab. Eine gute Zigarre. Ein Ostergeschenk.
Ich merke, dass ich die Zigarre gar nicht aufrauchen kann, weil ich schon viel zu knülle bin. Mutti hätte Verständnis. Alles Strenge war ihr fremd.
Ich grüble beim letzten oder vorletzten Zug, ob ich mir einen Erzähler ausdenken sollte, der sich sentimental auf diese Wiese legt, und muss wieder lachen. Alles noch mit Tau bedeckt. Bah.
Ich habe meine Kamera dabei, fällt mir ein, weil ich beim Losgehen nicht wusste, ob ich das hier mit euch teilen möchte.
Nö.
Geht doch einfach eure Muttis besuchen – und macht selber Fotos. Oder nicht.

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