26. – Alea iacta est

Die Regeln von Mäxchen sind an sich nicht kompliziert. Man nehme zwei Würfel, einen Würfelbecher und eine handliche, stabile Unterlage. In der Praxis Berliner Kneipen wird Letzteres ein Bierdeckel sein. Man schüttle den Becher und behaupte beim Weiterreichen des verdeckten Wurfs, mehr Punkte erwürfelt zu haben als der Vorgänger – und lasse sich nicht beim Lügen erwischen. Denn das kostet eins der zehn Leben, genauso, wie den Vorgänger fälschlicherweise der Lüge zu bezichtigen. Natürlich muss man bei diesem Spiel lügen. Da hilft nichts.
Die Punktzahl ist durch die Augen der Würfel ermittelt. Klar. Der Würfel mit den höheren Augen gibt den Zehner vor, der mit den kleineren den Einer. Eine Drei und eine Vier ergeben also … na? … Genau! Dreiundvierzig. Sehr gut! Zwei gleiche Augen, also 1-1, 2-2, und so weiter, »Pasch« genannt, setzen die Wertreihe fort bis 6-6. Auch klar.
Das Spiel ist auch unter dem Namen »Meier« bekannt. Der namensgebende Clou ist eben das »Mäxchen«, oder der »Meier«, nämlich der Wurf von einer Eins und einer Zwei, dem höchstmöglichen Wert. Wenn der Vorgänger behauptet, ein Mäxchen erwürfelt zu haben, dann lohnt es sich meist, unter den Becher zu gucken. Die Chancen liegen eins zu einundzwanzig zugunsten des Aufdeckenden, dass sich unter dem Becher ein Wurf von 6-6 (»Sechser-Pasch«) oder niedriger befindet. Menschen, die zu ehrlich sind, werden einfach auf ein Leben verzichten, wenn sie kein Glück beim Würfeln hatten. Spielen Sie nicht mit denen, das sind Spielverderber.
Gott mag nicht würfeln, wenn es um den Kosmos geht, oder von mir aus um die Schöpfung, aber ein Spiel in Ehren lässt auch Er sich nicht verwehren. Wenn Er schon mal unter den Menschen weilt. Da Gott Humor hat, könnte ein Würfelspiel mit Ihm im Grunde auch spannend sein. Nicht, weil der Ausgang unklar wäre, sondern z.B. weil sich jedem Seiner Gegner, nun, sagen wir Mitspieler, die Frage stellt: Lässt Er mich gewinnen? Also »mich« im Gegensatz zum Nächsten. Beim Spiel gehört ja gemeinhin die Nächstenliebe auf. Ich würde sagen, Spiele unter Menschen sind hauptsächlich dazu da, im Einvernehmen das Gebot der Nächstenliebe vorübergehend auszusetzen. Aber wie soll sich Gott da verhalten?
An dem Abend, von dem ich erzählen möchte, zeigte sich, dass Gott ein schlechter Verlierer ist. (Nicht, dass Er verloren hätte, im eigentlichen Sinne. Er gewann sogar.) Er fing irgendwann an, den Becher nur zu schütteln, und unbesehen weiterzugeben. »Mäxchen!«, rief Gott jedes Mal. Egal, wie oft die Runde umgestellt wurde, niemand schaute unter den Becher, um sich Gottes Wurf anzusehen. Kann Gott lügen? Da Gott auch nie den Becher aufgedeckt hatte, verlor Er auch nie Leben. Warum sollte Gott auch irgendjemanden mit seiner Allwissenheit beschämen? Man muss Gott verstehen: Der Mensch hat nun den freien Willen; Gott kann nicht darauf zählen, dass Er nach so einer Bloßstellung irgendetwas wiedergutmachen könnte, denn z.B. könnte der so beleidigte ja humorlos das Spiel verlassen.
Nun, Manfred, die eigentliche Hauptperson dieser Geschichte, war jetzt an der Reihe, hinter Gott zu spielen. Er hatte noch drei Leben und lag somit – nach Gott – vorne. Drei Mitspieler waren schon ausgeschieden. Man spielte nur noch zu viert.
»Sechser-Pasch«, sagte Rüdiger, der das Schema schon durchschaut haben muss, und grinste in Richtung Manfred, obwohl Gott nach ihm dran war. Manfred fand das frech. Als wäre Gott nicht da.
»Mäxchen«, sagte Gott schon etwas gelangweilt und reichte den Becher weiter. Aber ohne zu würfeln, diesmal.
Es war eigentümlich still; auch bereits Ausgeschiedene hielten den Atem an. Kein Klappern von Gläsern war zu vernehmen. Man kannte Manfred in der Kneipe. Ein Klugscheißer vor dem Herrn. Er war der Einzige hier, der Gott duzte. Würde er es wagen, Gott infrage zu stellen?
Und: »Ha. Mäxchen. Von wegen!«, stieß Manfred aus.
Man muss wissen: Nach unten lügen ist erlaubt. Behaupte, du hättest einen Fünfer-Pasch, obwohl du einen Sechser hast, und du behältst deine Leben, auch wenn der misstrauische Nächste den Becher aufdeckt.
Die Frage war jetzt also, ob Rüdiger schon ein Mäxchen gewürfelt hatte. Achim hatte lediglich eine Einundsechzig gewürfelt.
»Eins zu einundzwanzig!«, sagte Manfred.
Doch er zögerte. Gott könnte wissen, was Rüdiger gewürfelt hat. Er würde es bestimmt wissen. Wenn Manfred jetzt den Becher aufdeckt, hätte Rüdiger Schuld, wenn Gott ein Leben verliert. Würde er Rüdiger damit zu ewiger Verdammnis verurteilen? Rüdiger verzieht keine Miene. Ist Gott nachtragend? Manfred hatte schon drei Biere intus, mehr als er gewohnt war, und ging so rasch wie möglich seine sorgsam eingeübte Theologie durch. Wohlstandstheologie ist scheiße, als Protestant, nein als evangelischer Christ, gibt es für ihn keine Rechtfertigung durch Taten, nur durch Gnade. Gott würfelt nicht. (Aber das hatte Einstein behauptet, und da ging es um die Unvorhersagbarkeit bei Quantenphänomenen. Ort und Geschwindigkeit. Schrödingers Katze.)
Manfred musste lachen. Gott würfelt nicht. Und hätte dabei fast Gottes Wurf verschüttelt.
»Ich bin nicht Gott«, sagte Manfred selbstbewusst-herausfordernd, »Gott sei Dank«, und atmete tief durch, bevor er den … Sechser-Pasch aufdeckte.
Gott verlor ein Leben. Aber nur das eine. Und Rüdiger hatte nicht gelogen. Manfred wischte sich eine Schweißperle von der Stirn, aus seinem Angesicht, sozusagen.
Nun, Gott wurde klar: Das nächste Mal, wenn er spielend und rauchend in Geschichten über Berliner Kneipen auftauchen würde, würde er sich besser tarnen. Denn egal, wie viel Humor Er hat, für Menschen hört bei Gott der Spaß auf.

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