108. – Dämmerung

Mit einem Ruck fuhr Lisa aus dem Schlaf hoch. Sie lauschte in die Stille, und obwohl sie nicht hätte sagen können, was sie geweckt hatte, brach ihr plötzlich der Schweiß aus.
»Lisa?«
Die Stimme ließ sie herumfahren.
Im Dämmerlicht, das durch die halb heruntergelassenen Jalousien fiel, erkannte Lisa einen Mann in der Ecke ihres Schlafzimmers.
»Johannes!«, entfuhr es ihr. »Was machst du hier?«

Er stutzte. »Komm, steh auf, Kleines, wir müssen los«, sagte er dann ernst, dennoch zärtlich.
Es war so weit. Heute schon?
Sie ertappte sich bei dem Wunsch, ausschlafen zu dürfen.
Ihn Johannes zu nennen ging gar nicht. So, wie wenn man sie Louise nannte: Das machten nur neue Lehrer, oder Papa, wenn er streng sein wollte. Aber Johann auch Papa zu nennen kam nicht in Frage. Und nur Mama nannte ihn Johannes. Wenn die beiden so peinlich schmusig drauf waren. Dass ihr das passieren konnte! Sie war noch nicht ganz klar im Kopf. Wie spät war es denn? Sie schaute sich nach ihrem Wecker um.
»Es ist halb sechs, Lisa.« Johann beobachtete sie. »Kleines, ziehst du dich bitte an?« Er schaltete das Licht an, kniff kurz die Augen zusammen, sah sich um, und runzelte die Stirn. »Ich rufe schon mal das Taxi, ja?«
Auf einmal wusste sie wieder, was sie irritierte. »Johann, wie kommst du denn hier rein? Wo ist Papa?«
Johann drehte sich zu ihr um. Sie sah, dass seine Augen verheult waren. Wo war seine Brille?
»Er ist schon dort. Er hat mir die Schlüssel gegeben, um dich abzuholen. Er kann nicht fahren …« Johann schaute weg. »Ich auch nicht. Deswegen rufe ich jetzt das Taxi. Ich warte unten.« Er setzte an, zu gehen, blieb aber seufzend stehen und wandte sich ihr zu, ruhig, gefasst. »Tut mir leid, Kleines. Ich … will dich nicht hetzen. Zieh dich in Ruhe an. Es ist kalt draußen. Schaffst du das? Zur Schule musst du heute nicht.«
Lisa nickte und setzte sich auf den Bettrand. Johann ging runter, zum Telefon. Wie meinte er das: »Schaffst du das?«? Sie war doch schon zwölf. Einhalb. Fast.

Sie sah sich um.
Sie fühlte sich schwer, gelähmt. Das meinte er.

Hier, in ihrem neuen Zimmer, bei Papa, hatte sie ein eigenes kleines Badezimmer, musste nicht über den Flur gehen. Aber zum Waschen war jetzt wohl keine Zeit. Das war jetzt nicht wichtig. Johann wollte los, sich nicht länger als nötig in Papas Haus aufhalten. Papa war schon im Krankenhaus und hatte Johann die Schlüssel gegeben. Sie mochten sich nicht: Papa, der reiche Geschäftsmann und Johann, der … naja … Schriftsteller. Dann war es diesmal wirklich so weit. Heute würde es wohl passieren.

Hier würde sie nun endgültig wohnen. Sie sah sich um. Mama würde nicht mehr gesund werden.
Was ja alle schon wussten.

Im leeren Regal neben dem Stuhl lag Johanns Brille. Zusammengelegt. Er muss schon eine Weile im Zimmer gewesen sein, bevor er sie geweckt hatte.

Halbvolle Regale, halbleere Umzugskartons. Ihre Kleidung von gestern, seine Brille.
Sie würde ihm fehlen.
Er wartete unten.

Sie stand auf und zog sich an.

Als sie die Treppe herunterkam, saß Johann auf dem Stuhl im Foyer (Papa nannte das so) und starrte auf die Schlüssel in seiner Hand. Er gehörte nicht hierher. Sie gab ihm seine Brille. Das Taxi wartete.

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