11. – Vertraute

Als wir, noch Hand in Hand, vor das Haus auf den Bürgersteig traten, gab es ein kurzes Zögern, einen Moment nüchterner Klarheit, als die schwere Altbautür gedämpft ins Schloss fiel. Wir hatten uns nicht mal vom Gastgeber verabschiedet.

Der vergangene Abend war sommerlich warm gewesen; anstatt des erwarteten Sternenhimmels, bot die Nacht nun aber – nach der verrauchten, beengten Party – zunächst unwillkommene stille Frische.
Als Ausgleich nieselte es feinen, sanften Mai-Regen, der schwirrende Milchstraßen um die leuchtenden Laternen kreiseln ließ.

»Ist das schon der Morgentau?«, beendet sie die kühle Stille.

Als sie mich fragte, ob die Nacht schon vorbei sei, strömte die Wärme ihrer Stimme durch meinen linken Arm in meine Brust. Ich wusste, dass sie keine Antwort erwartete. Es war gerade Mitternacht vorbei.
Sie hob beide Arme, wir kreisten im Uhrzeigersinn um meine erhobene linke Hand. Sie die Minuten, ich die Stunden.
Und sie empfing in ihrem Busen den Regen, der aus allen Richtungen zu kommen schien, um auf ihrer blassen Haut tausend winzig kleine, glitzernde Perlen zu bilden.

Sie zieht mich an sich.

»Mir ist kalt«, log sie lächelnd. »Nimm mich in den Arm.«
Ihre Wangen erröteten und Flecken bildeten sich in ihrem Dekolleté, sie hielt aber den Blick, erregt, erregend.
»Bitte«, sagte sie, ihren fordernden Ton entschuldigend, der mich nicht gestört hatte. »Nimmst du mich bitte in den Arm?«
»Euer Wunsch sei mir Befehl!«, erwiderte ich – nur halb im Scherz. Ich verneigte mich leicht und zog sie sodann an mich, wie ich es als Jugendlicher im Tanzunterricht gelernt hatte. Ich hob ihre rechte Hand, nicht gewillt, sie ganz loszulassen. »Deine Jacke hält wohl nicht sehr warm.«
Warum musste ich reden?
»Das ist ein Bolero. Der hält nur die Arme warm. Kannst du denn überhaupt tanzen?«, fragte sie skeptisch.
»Willst du tanzen? Ich hatte mal Unterricht«, prahlte ich ein bisschen zu offensichtlich. »Und du?«
Meine rechte Hand suchte die Stelle, die den Übergang vom Gesäß zum Rücken bildet, die Stelle, die schon oben auf der beengten Sitzparty meine Blicke auf sich gezogen hatte.
»Ich will nicht tanzen; ich will umarmt werden«, sagte sie schmollend. »Aber ich kann tanzen! Wenn ich will. Ich war nämlich mal Tanzlehrerin.« Auch gelogen. »Sag mal, ist das deine Hand in meiner Hose?«
Meine Hand hatte die Stelle gefunden. Ganz ohne mich, versicherte ich ihr.
Gespielte Empörung ihrerseits. Gespielte Scham meinerseits. Sie führte streng meine Hand höher auf ihrem Rücken und legte ihren Arm auf meinen rechten, leichten Druck ausübend, nahm die Schultern nach hinten, Brust raus. »So geht das!«, sagte sie bestimmt.
Perfekte Haltung. Unsere rechten Beckenhälften aneinander, unsere Schenkel ineinander. Ich spürte die weiche Rundheit ihres Bauches auf meinem. Sie neigte leicht den Rücken, legte ihr Gewicht in meinen Arm hinein, drehte ihren Kopf. Gemeinsamer Schwerpunkt.
Ich musste sie halten. Wir mussten uns halten. Wir waren Vertraute.

Ich halte sie.

Sie. Fremde. Vertraute. Mutter. Göttin. Geliebte. Mein.

Ich hielt sie in meinem Arm und erinnerte mich einen Augenblick lang an ihre dunkle Träne im Flur.

Sie seufzte, rollte mit den Augen. »Mein BH geht ständig auf«, sagte sie. Dann, vertraulich flüsternd: »Deshalb wollte ich auch gehen.« Sie legte ihren Kopf auf meine Schulter. »Magst du ihn mir eben noch mal zumachen?«
Ich verneinte entschieden, halb im Scherz, und tastete unter ihrer Jacke, ihrem Bolero, ihren Rücken ab. »Ich dachte, du trägst gar keinen.«
»Na klar, dachtest du das«, murmelte sie in meinen Nacken.
Kaum unter ihrem rückenfreien Oberteil zu erspüren, fand ich an ihren Seiten jeweils die ziemlich schmalen Plastikstreifen, deren Verschlussmechanik sich mir tastend nicht erschließen wollte.
»Dreh’ dich mal um«, forderte ich sie auf. »Ich krieg’ das so nicht gebacken.« Wir standen noch im Schutz des Hauseingangs und natürlich kamen genau in dem Moment andere Partygäste raus, als ich gerade ihren Rücken freigelegt hatte, um mir im Laternenlicht einen besseren Eindruck der Lage zu verschaffen. Eben im Hausflur noch voll im Gespräch verwickelt, ging man, betreten schweigend, an uns vorbei und links hoch um die nächste Ecke.
Wir kicherten. Verklemmt und enthemmt zugleich.

Ich legte meine Stirn auf ihren Nacken, wie oben im Flur, vorm Spiegel, meine Hände an ihre Hüften. Wieder fiel das Lächeln – ein Stück mit jedem Atemzug.
Ein. Aus. Ein.

Sie drehte ihr Gesicht zu mir, legte zart ihre Hand auf meine Wange. »Ich heiße Salomé«, hauchte sie theatralisch und zog aus ihrem linken Ärmel den BH hervor, ließ ihn gekonnt zweimal über ihrem Kopf kreisen und dann zu Boden fallen, auf die feucht glänzende Straße, die zu dampfen schien.
»Trägerlos. Hat seine Funktion eh nicht erfüllt«, sagte sie befreit. Mir wurde bewusst, dass nur das Gewicht ihrer üppigen Brüste den BH nicht vollends hatte wegrutschen lassen. Sie drehte sich zu mir um.
Kurz vorm Kuss sprang im Hausflur wieder das Licht an.
»Komm, schöne Frau, lass uns woanders hingehen. Du heißt nie im Leben Salomé.«
Wir gingen rechts die Straße runter, leicht bergab.
Sie lächelte. »Ich heiße Susanne. Aber nenn’ mich ruhig Suzanne.« Sie sprach es englisch aus.
»Wie die Frau aus dem Leonhard-Cohen-Song? Wohnst du auch am Fluss?«, fragte ich.

Sie schaut mich an.

Sie sah mich einen Moment lang ruhig an, prüfend. Sie nickte: »Ja. Gleich da vorne.« Sie lächelte kokett. »Und: Ich habe einen perfekten Körper.«
Ich widersprach: »Außer für trägerlose BHs. Außerdem ist das da vorne ein Kanal. Der Landwehrkanal.« Warum musste ich reden? »Gehen wir da hin, zu dir? Gibt’s Tee und Orangen? Aus China?«
»Geht nicht. Ich bin nur zu Gast. Da oben; im achten Stock.« Sie zeigte auf das Krankenhaus am Urbanhafen, ohne hinzusehen.

Im achten Stock … die Onkologie … Krebsheilkunde … dort war mein Vater zwei Jahre zuvor gestorben. Sein Tod hatte sich gerade gejährt.
Ein Ziehen zwischen den Brauen. Schwindel fiel mich an. Unerträgliche, triefende Trauer. Tränen schossen mir in die Augen. (»Ich bin nur zu Gast.«) Ich sah mich an ihrem Totenbett sitzen. Damals schon. Ich kenne sie gar nicht. Atem in hämmerndem Stakkato. Heißt sie jetzt wirklich Susanne?
Schluchzen; Schlottern; Schlag des nassen Asphalts auf meine Kniescheiben.
Dunkelheit.

Wärme.

Parkbank am Ufer. Mein Kopf in ihren Brüsten geborgen. Wie bin ich hierhin gekommen?

Sie wiegt mich in ihren Armen.

Sie. Fremde. Vertraute. Mutter. Göttin. Geliebte. Mein.

Als ich auf der Parkbank zu mir kam, wiegte sie mich wie ein kleines Kind. Das Gewicht meines Kopfes hatte ihre rechte Brust fast freigelegt. Ich setzte mich auf, zog ihr Oberteil und den Bolero wieder zurecht. Ganz gewöhnliche Geste. Fehlende Verlegenheit.

Sie folgte mir rätselhaft mit dem Blick, löste ihr Haar. »Gehen wir noch was trinken?«, fragte sie – fast beiläufig. Kein Wort von meiner Ohnmacht. »Ab morgen darf ich nicht mehr.«

Es hatte aufgehört zu regnen. Ich schaute auf meine Uhr. Kurz nach eins. Samstag.
Ich hörte mich sagen: »Morgen ist Sonntag.«

»Ja!«, rief sie, voll Freude, und sprang auf. Sie schaute zum Kanal hinter mir. »Gehst du morgen mit mir Dampferfahren?«
Sie reichte mir die Hand.

Kalte Knie. Ich wusste nicht. Ich wusste nichts.

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