4. – Staub

„Entschuldigen Sie bitte meine Garderobe“, sagte er ins Mikrofon, „ich trage diese Jacke sonst nur zu Beerdigungen.“
Keine Reaktion vom Publikum, das zum größten Teil in intellektuell-dezentem Schwarz gekleidet war. Er räusperte sich, kratzte sich an der leicht stoppeligen Wange. Man hatte seinen – durchaus selbstironischen – Seitenhieb wohl nicht verstanden.
„Diese Lesung widme ich meinen verstorbenen Eltern“, setzte er nochmals an und merkte, dass er sich wohl an diese, vorbereitete Einleitung hätte halten sollen. „Meine Mutter starb vor einem Jahr, einem Monat, einer Woche und einem Tag“, fuhr er fort. „Mein Vater war zuvor gestorben, vor zwei Jahren und zwei Tagen. Ich heiße Friedrich Ahlden. Mit AH. Ich bin knapp vierzig Jahre alt, habe Abitur und veröffentliche seit bald vier Jahren Gedichte und Kurzprosa.“
Er räusperte sich nochmals, diesmal bewusst, aufrecht. „Ich heiße Friedrich Ahlden, und ich bin alt, klug – und Waise.“
Man lachte verhalten. Er hatte die Pausen richtig gesetzt, richtig geatmet. Man hatte den Bezug zum Titel des Leseabends hergestellt.

Im Laufe des Abends wechselte sein Name noch zwei Mal, jeweils nach den Pausen. Die meisten Texte waren im „Ich“ geschrieben, jedenfalls innere Monologe, eine Erzählhaltung, die ihm lag, die ihm behagte. Er schlüpfte gerne in Rollen. Er empfand sich eher als Darsteller denn als Dichter. Nicht so sehr wegen der Bühne, sondern schon beim Schreiben. Sicherlich: Er war – zumindest bei den eher seltenen Lesungen – zugleich Autor, Regisseur und Schau­spieler. Aber sein Augenmerk galt der Erschaffung von Erzählfiguren, und jeder einzelne Text war einer Figur zugeschrieben, die einen Aspekt seiner eigenen Wirklichkeit – wie flüchtig auch immer – irgendwann gestreift hatte. Der eigentliche Dialog oder Monolog lieferte nur das Material zur Abbildung einer Erzählsituation.
Zwischen den Texten, die heute Abend zumeist vom Tod seiner Eltern handelten, griff er immer wieder in seine Jackentaschen, in denen sich einige Sandkörner befanden. Er hatte sich für morgen, Samstag, vorgenommen, die Jacke endlich zur Reinigung zu bringen.
Eine seiner Geschichten handelte von eben diesem Sand. Sie erzählte von dem Sand, den er der Bestattungserde seines Vaters entnommen habe, in der Jackentasche verstaut, und den er, etwas über ein Jahr später, bei der Bestattung seiner Mutter heimlich mit der dort vorbereiteten Bestattungserde vermengt habe. Sie erzählte, seine Eltern seien schon kurz nach seiner Geburt geschieden worden; und die Pointe der Geschichte bestand darin, dass die Eltern, wenn sie schon nicht an einer gemeinsamen Grabstelle bestattet (es war nicht mal der gleiche Fried­hof), so doch wenigstens mit der gleichen Erde bedeckt worden seien. In der Konstruktion der Geschichte wurde dem recht kleinbürgerlich angelegten Erzähler somit spät der Kindheits­traum erfüllt, dass die Eltern wieder zusammenkämen.
Diese Geschichte las er gerne vor. Sie war publikumswirksam, doch nicht platt, denn sie endete mit einem Zwiespalt, dem Zwiespalt eines ungehorsam ausgeführten Begräbnisses. Die Geschichte war authentisch; sie wies mythologische Bezüge auf; und bestenfalls gute Freunde waren in der Lage, die Verfremdungen zu erkennen, mit denen er gearbeitet hatte. Auch unter seinen Freunden traten nach einigen Lesungen Vermengungen mit der Realität auf.
Seine Eltern waren zum Beispiel in umgekehrter Reihenfolge gestorben; er hatte folglich den Sand vom Grab seiner Mutter zum Vater getragen. Und es hatte in Wirklichkeit mehr Zeit zwischen den Bestattungen gelegen: etwas über zwei Jahre.
Dass er nicht wirklich „Friedrich“ hieß, dürfte dem größten Teil des Publikums bekannt gewesen sein. Er war kein Neuling mehr. Einige seiner neueren Freunde riefen ihn spaßes­halber mit seinem Pseudonym. Das waren Menschen, die ihn auf einer seiner Lesungen kennen­gelernt hatten, und denen er sich ja so vorgestellt hatte, wenn man so will. Er verzichtete humorvoll auf die unnötige ausdrückliche Richtigstellung. Namen: Schall und Rauch.
Die Sandkörner in seiner Jacke erinnerten ihn an ein Versprechen, das er seiner Mutter gegeben hatte.

Im Sterbebett liegend, strich sie ihm über die stoppelige Wange und bat ihn, sich vor dem nächsten Besuch doch bitte zu rasieren.
Er sagte seufzend, die Wange kratzend: „Ja, Mutti.“
Sie bekräftigte: „Das ist mein letzter Wunsch, Siggi!“
„Kannst Du mir nicht etwas Zitierfähiges abverlangen, Mutti?“, erwiderte er, „Ich bin doch jetzt Schriftsteller …“
Sie zog eine übertrieben nachdenkliche Miene, obwohl sie große Schmerzen litt. „Also, lieber etwas Biblisches? …“
Sie hat sich gerne über seinen Glauben lustig gemacht.
„Du sollst Mutter und Vater ehren!“, sagte sie, müde lächelnd.
Er lachte, etwas perplex. Das war das erste Mal seit Jahren, womöglich Jahrzehnten, gewesen, dass ihr in seinem Beisein das Wort „Vater“ über die Lippen gekommen war.
Er küsste sie auf die Stirn.

Er hatte sie zum Abschied auf die Stirn geküsst, bevor er zu sich nach Hause ging. Große Gefühle in Worte zu kleiden, war seiner Mutter schon immer schwergefallen. Er fand alles in ihren Augen, in ihren Blicken. Sie hatten sich viel gegenseitig in die Augen geschaut, in den letzten Wochen, und die Hände gehalten. Nicht unbedingt schweigend, doch alles Wichtige war gesagt; und sie starb überraschend schon in der folgenden Nacht.

Das war morgen vier Jahre her, sein Anlass für diesen Leseabend. Und heute war er das erste Mal unrasiert vor Publikum getreten.

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