36. – Drachentöter

„Nee, geht schon.“

„Vor neunzehn oder zwanzig Jahren, würde ich sagen.“

„Also, ich weiß nicht viel über ihn. Er war mein Onkel mütterlicherseits, ich sollte ihn aber nicht ‚Onkel‘ nennen. Das wollte er nicht. Von Anfang an nicht. Nur ‚Georg‘. Mit elf habe ich ihn kennengelernt. Vorher war er verschollen gewesen, schon seit … ach … lange vor meiner Geburt. Mit dem Zirkus unterwegs, wie sich später herausstellte. Ich habe mich total gefreut, dass ich einen Onkel habe; das hatte ich gar nicht gewusst. Meine Mutter hatte mir nie von ihm erzählt. Er war sechs Jahre älter gewesen als sie. Im Krieg geboren. Als er drei war, kam mein Opa, also sein Vater, ist ja klar, den er aber gar nicht gekannt hatte, aus der Gefangenschaft zurück. Die beiden haben sich nie verstanden. Das ging ziemlich weit. Mein Opa hatte bald einen Job in einer Jugendstrafvollzugsanstalt, das weiß ich aus seinen Versicherungsunterlagen, und sein Sohn wurde ‚jugendlicher Delinquent‘, wie man so sagt. Hat mir meine Mutter erzählt; aber nicht, was ihr Vater gearbeitet hat. Das habe ich selber rausgefunden. Weiß nicht, ob er ihn womöglich auch noch beaufsichtigen musste. Das habe ich nicht rausbekommen. Ist auch nicht wichtig, nein. Dann hätte Mutti mir das bestimmt erzählt. Opa war wohl ziemlich streng.“

„Kriminell blieb Onkel Georg sein Leben lang. Er verlor später einen Arm bei einem Unfall mit einem Motorrad, das er als Fluchtfahrzeug bei einem Überfall oder so benutzte.“

„Nee, nicht in Berlin, ich glaube in München. Da war sein Vater wohl schon tot. Aber das wusste er nicht. Opi hatte sich auf einer Bank am Urbankrankenhaus mit Whiskey und Rattengift das Leben genommen. An einem der kältesten Wintertage, die je gemessen wurden. Er hatte Krebs gehabt. Da war ich zwei, oder so. Oder nicht mal. Wollte meiner Omi nicht zur Last fallen. Hat ihr keinen Brief hinterlassen, aber einen riesigen Strauß Rosen ins Wohnzimmer gestellt. Da wusste sie sofort Bescheid und hat sämtliche Krankenhäuser abtelefoniert. Von Nachbarn aus; sie hatte keinen eigenen Anschluss. Blumen gab es wohl nicht so oft.“

„Ach, Entschuldigung. Ja … Onkel Georg … was noch? Also, er hatte halt nur den einen Arm.“

„Moment … den … rechten. Der linke war nicht ab, der war nur gelähmt, und die Hand hat er immer in die Hosentasche gesteckt, damit der Arm nicht so rumbaumelt.

Mehr fällt mir nicht ein. Ich heiße halt mit zweitem Namen Georg. Siegfried Georg heiße ich offiziell. Ich glaube, meine Mutter liebte ihn schon sehr. Hat zumindest viel an ihn gedacht.“

„Ja, ich weiß: Siegfried und Georg, beides Drachentöter.“

„Na, ‚Georg‘, hab‘ ich doch gerade gesagt.“

„Ach, sein zweiter Vorname? ‚Tschuldigung. Müsste ich mal nachsehen. Ich habe noch eine Kopie seiner Geburtsurkunde. Von meiner Mutter. Vielleicht ‚Wilhelm‘? ‚Georg Wilhelm Hermann‘ … Mein Bruder ist ein paar Jahre älter als ich und heißt Ludwig Wilhelm. Beide meine Großväter hießen Wilhelm. Aber das ist eine andere Geschichte. Und wann haben Sie ihn gefunden?“

„Und seit wann lag er da?“

„Wie haben Sie mich denn überhaupt gefunden?“

weiter

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