48. – Latte Macchiato

Neu hier, die Kellnerin; süß ist sie. Aber nicht im Sinne von „niedlich“, sondern so wie englisch „sweet“; also „zuvorkommend“, „aufmerksam“. „Lieb“, wenn man denjenigen besser kennt. Könnte durchaus Italienerin sein. Aber auch Türkin. Weiß auch nicht, ob ich sie näher kennenlernen wollen würde. Lutz würde sagen: „Die würde ich nicht von der Bettkante stoßen“, und wäre sich meines Protestes sicher. Aber nur wegen der Formulierung, denn, wenn ich ehrlich bin: Ich weiß nicht, ob ich noch einen Milchkaffee bestellt hätte, wenn sie nicht so reizend wäre. Lutz hätte das natürlich durchschaut und mich damit aufgezogen. „Du mit deiner politischen Correctness!“, würde er dann wieder sagen. Lutz. Ich nenne ihn „Sankt Ludwig“, wenn er so drauf ist. Und er betont dann nochmal extra, er sei nicht katholisch. Wer’s glaubt. Hoffentlich hat er nächste Woche Zeit. Wäre er hier, würde ich Bier trinken statt Milchkaffee. Einfach schon, damit er seine bescheuerten Latte-Witze nicht bringt. Da kommt sie ja schon.
„Danke. Das ging aber schnell.“ Aua. Heiß.

„Schon gut. Bitte schön; nein, stimmt so.“

„Mein Bruder? Nee, der kommt heute nicht.“

„Ja, finde ich auch.“

„Tschüß.“ Bis nächsten Dienstag.
Jetzt habe ich gar nicht gefragt, woher sie Lutz kennt. Dann ist sie gar nicht neu hier. Gut, dass ich nicht gefragt habe. Peinlich. Wir hatten das letzte Mal ziemlich geladen. Vielleicht hatte sie da die zweite Schicht. Kann mich echt nicht erinnern. Ob sie sich wohl auch nach mir erkundigt hätte, wenn er hier sitzen würde? Lutz hätte sie gleich nach dem Namen gefragt. Aber Lutz würde gar nicht allein hier sitzen. Er kommt nur wegen mir her, oder überhaupt raus, und kommt nie vor mir hier an, weil er „sich Pünktlichkeit vor langer Zeit abgewöhnt hat“, behauptet er. Mein Bruder. Wenn wir zusammen aufgewachsen wären, ob wir uns jetzt auch so gut verstehen würden? Außer den Namen und einige Gene hätten wir nichts gemein, stellen wir immer wieder fest. Als Papa mir von ihm erzählt hat, war er mir von Ferne erst mal unsympathisch. Ein Reflex, ein Schock. Ein älterer Bruder. Ich musste gleich an Rain Man denken, an Dustin Hoffman. Und dann wohnt er auch noch in einem katholischen Kloster. Er sagt, er habe Erinnerungen an mich gehabt, sie aber nie verstanden. Das sei mit ein Grund, warum er die Kanzlei aufgegeben habe. Dass er sich auch ausgerechnet für Familienrecht entschieden gehabt habe. Und jetzt Klempnern im Kloster. Für Logie und Taschengeld. „Besser als Therapie“, und es sei ihm nie besser gegangen. Ich glaube ihm.

Außer den Namen und ein Paar Gene haben wir nichts gemein …

„Hallo? ‚Tschuldigung?“ Schöne Augen. „Wie heißen Sie eigentlich?“ Lutz hätte sie gleich geduzt. „Schöner Name! Leila. Das heißt Nacht, oder? Leila, ich nehm‘ doch noch ’n Bier.“ Schönes Lächeln.

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