[Nachwort]

Den unteren Göttern
– Rede am Grab eines Freundes,
wie ich sie gern gehalten hätte

prologos

Tom, wenn ich heute sage: „Ich komme gerne her; es ist schön, hier sein zu können“, heißt das nicht, dass ich Deinem viel zu frühen Ableben als solchem irgendetwas Positives abgewinnen kann.
Wir pflegen die Angewohnheit, angesichts der Ungeheuerlichkeit des Todes, beschönigende Begriffe wie „Ableben“ und „Nicht-mehr-Weilen“ zu verwenden. Das entspricht Dir nicht, und im Weiteren möchte ich auch davon absehen.

parodos

Sieben Jahre nach Deinem Tod, also vor drei Jahren, begann ich mit der Arbeit an einem Familien-Roman über Figuren der antiken Tragödie, insbesondere über Antigone.
Dem ausdrücklichen Verbot des Königs trotzend, besteht die tragische Heldin auf eine Bestattung ihres Bruders – und sei es nur symbolisch, mit einer Handvoll Erde. Zur Rechtfertigung ihres Ungehorsams sagt sie, sie diene „den unteren Göttern“.

epeisodion alpha

Du, Tom, mal ganz ehrlich, ich glaube, wir waren nie wirklich Freunde „im landläufigen Sinne“. Zunächst einmal warst Du doch ein ganzes Stück älter als ich. Nun gut, mittlerweile habe ich Dich fast eingeholt …
Unser Geschmack in Sachen Frauen war wohl nur bedingt unterschiedlich …
Wie dem auch sei, im Allgemeinen hatten wir doch eher wenig gemein.
Warum meine ich dann gelegentlich – nach zehn Jahren noch –, Dich auf der Straße zu erkennen, oder warum frage ich mich immer noch oft, was Du wohl über diesen Song zu sagen hättest – oder über jenen Wein?
Ich kannte Dich schließlich lebend nur ungefähr fünf Jahre.
Ich denke: Auch wenn wir wenig gemein hatten, so hatten wir doch gemeinsam etwas vor. Wir machten Musik. Und zwar immer mit gebührendem Ernst und hier und da auch mit Freude. Ich bin stolz auf das, was wir – in viel zu kurzer Zeit – zustandegebracht haben. Wir wollten besser werden und wir wurden besser. Wir zogen an einem Strang. Du der „Handwerker“, ich der „Künstler“. So nannten wir das.
Nietzsche, hingegen, unterscheidet in der Kunst die Bereiche des „Apollinischen“ und des „Dionysischen“, des Traumhaften und des Rauschhaften. Apoll, der Gott des Sonnenlichtes, ist ein oberer Gott und Dionysos, auch lateinisch „Bacchus“ genannt, ist ein unterer Gott, vor allem Gott der Fruchtbarkeit und der Vegetation, insbesondere des Weines. Du warst zwar für Wein und Kulinarisches zuständig, alles Künstlerisch-Rauschhafte im Musikalischen hatte ich aber zu vertreten. Der kürzeste Witz der Welt lautet nach Deinem Bekunden: „Ging ein Musiker an einer Kneipe vorbei.“ Ich trank immerhin im Alter von 25 Jahren in Deiner Gegenwart mein erstes Bier – bei gutem Essen nach einer Band-Probe.
Man könnte also sagen, Wein  und Gesang verbinden uns. Immer noch. Das mit dem Weib wollte ich vorhin schon nicht ausführen.

stasimon

Es ist jetzt also zehn Jahre her (und ein paar Stunden), dass Du nicht zum Gesangsunterricht erschienen bist. Du und ich, wir hatten ein Duett einstudiert und wollten mit professioneller Hilfe dem Stück den letzten zweistimmigen Schliff geben.
Ohne abzusagen, bliebst Du einfach weg. Ohne Abschied.

epeisodion beta (eleos)

Bevor meine Mutter starb, hatte sie genug Zeit gehabt, um alles zu regeln und in Ruhe Abschied zu nehmen. Ich besuchte sie regelmäßig, meist dienstags, und wir genossen sehr tiefe, offene Gespräche. Sie starb eineinhalb Jahre nach ihrer Krebs-Diagnose.
Als Krankenschwester hatte sie sich mit Pflege ausgekannt und bereitete sehr, sehr gründlich ihr Sterben vor – und ihre Bestattung: Mutti bestimmte, dass ihre Asche verstreut werden sollte.
Soweit die deutschen Bestattungsgesetze es zuließen, wurde dem entsprochen, indem der Inhalt ihrer Urne in ein Loch auf einer Wiese geschüttet wurde, auf dem einzigen Friedhof in Berlin, der diese Bestattungsform anbot.
Der Weg von der „Feierhalle“ zur vorbereiteten Stelle in der „Aschen­gemein­schaftsgrabstätte“ hätte keine fünfzig Schritte betragen, wenn wir, die Trauergemeinde von drei Personen und der Urnenträger, nicht den Umweg um ein Gebüsch gemacht hätten, um der sonst zu kurzen Strecke etwas würdevolle Dauer zu verleihen. Mehr „Feier“ fand nicht statt.

stasimon

Woran ich beim Verlassen des Friedhofes dachte:
Sechseinhalb Jahre zuvor, einige Wochen nach Deinem Tod hatten wir, die hinterbliebenen Bandmitglieder, vor Deinem Sarg gesungen, hier in der Trauerhalle, auf diesem Friedhof. Wir trugen das Lied vor, das wir unter höchster Geheimhaltung vor Dir im Jahr zuvor für Deinen 40. Geburtstag einstudiert hatten.

epeisodion gamma (phobos)

Nach dem Tod meiner Mutter fing ich an, mich mit meinem Vater regelmäßig dienstag­abends in seiner Stammkneipe zu treffen, um ein oder doch eher zwei Gläser Bier zu trinken. Danach ging ich immer leicht berauscht zur Bandprobe. Erst in dieser Zeit habe ich Papa richtig kennengelernt. Vorher hatte ich ihn nur mit seinem Vornamen angesprochen. Aus der Band, der ich eh schon zögerlich beigetreten war, bin ich nach einem halben Jahr ausgestiegen, um mich auf das Schreiben konzentrieren zu können. Der Dienstagabend blieb dann dem Bier mit Papa vorbehalten.
Zwischen Papas Krebs-Diagnose im Herbst letzten Jahres und seinem Tod lagen nur sieben Monate und ein Ringen um Würde, die für ihn mit seiner Krankheit nicht vereinbar war.
Da er mittellos starb, erhielt er eine Sozialbestattung. Das bedeutet: auf einer anonymen Urnenwiese.
Noch bevor die Trauergemeinschaft – wir waren zu viert – nach der Beisetzung um die Ecke gebogen war, stach ein ungeduldiger Friedhofsangestellter ungefähr zehn Zentimeter neben Papas frisch zugeschütteten Urnenloch schon ein neues an.

stasimon

Was mich beim Verlassen des Friedhofes begleitete:
Viereinhalb Jahre zuvor, an Deinem fünften Todestag, hatten wir uns hier, vor Deinem Grab, zu Deinem Andenken versammelt. Es wurde gesungen und vorgelesen und guter Whiskey getrunken. Und ich sang – diesmal solo – das gleiche Stück, das wir zu Deiner Beerdigung gesungen hatten.

epeisodion delta (katharsis)

Bevor meine Eltern starben, kannte ich zu beiden jeweils noch eine Nähe, die ich so, zumindest als Erwachsener, nicht vorher hatte. Anders als bei Dir, konnte ich mich gut von beiden zu Lebzeiten verabschieden. Sicherlich: Du starbst plötzlich.
Aber: Beide hingen eben nicht sehr am Leben. Beide fanden sich zu leicht mit dem Tod ab. Das fand auch Ausdruck in der Art, wie sie bestattet wurden. Sie legten keinen Wert darauf, dass irgendetwas zurückbleibe, das an sie erinnert.

exodos

Nun, heute, am 29. August 2006, der auch mein siebter Tauftag ist, an einem Dienstag, stehen wir anlässlich Deines nun zehnten Todestages wieder an dem Grab, das Du Dir gar nicht gewünscht hattest.
Schon bei Deiner Beerdigung wurde, wie gesagt, gesungen und vorgetragen – und vor fünf Jahren. So auch heute.
Du, lieber Thomas, hast, dank Deines ungehorsamen Bruders, einen Grabstein – und Küchenkräuter auf Deinem Grab, weil Du gerne gekocht hast
– und ich glaube, Du hast gerne gelebt.
So möchte ich Dich jedenfalls in Erinnerung behalten.
So werde ich Dich in Erinnerung behalten.

Ich komme gerne her; es ist schön, hier sein zu können.

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