47. – Heimweg

Ich dreh mich nochmal um zum Hermannplatz – in Richtung „Spreetal“ – und finde mich doof, weil mir gerade das zur Hermannstraße einfällt und nicht, zum Beispiel, dass hier die schönsten Frauen leben. Hier begegnet man den schönsten und den hässlichsten Menschen dieser Stadt, da ließe ich gar keine Diskussion zu. Diese wunderbaren Frauen, die sich nach arabischer Sitte die Haare mit einem Kopftuch bedecken, weil es eine Sure im Koran gibt, die ihnen verbietet, öffentlich ihre Haarpracht zu zeigen. Diese erstaunlichen, dunklen Augen. („Kuhäugig“ nannten das die alten Griechen.) Trotzdem geschminkt. Dazu sagt der Koran wohl nichts. Ihre breiten Becken. Ihre halbstarken, irgendwie heimatlosen Brüder in Muskelshirts. Halten sich für Moslems, weil sie kein Schweinefleisch essen, brüllen aber „Fick deine Mutter!“ von einer Straßenseite zur anderen. Sie werden irgendwann auch Väter – und nie so gewesen sein. Ich weiß nicht, warum ich mit ihnen fühle.

Vor mir eine untersetzte, – dem Anschein nach – Zwölfjährige schiebt einen Kinderwagen, begleitet von ihrer üppigen … Großmutter, würde ich sagen, mit einer riesigen Laufmasche. Ich überhole die beiden. Die Kleine hat viel zu große Brüste. Weil sie ihr zweites Kind nicht richtig abgestillt hat. So’n Quatsch.

Die ganze Straße hat eine Bier-Fahne, denke ich für einen Moment. Aber es sind nur die Leute, die beim Döner-Bäcker-Spätkauf auf den rausgestellten Bänken sitzen. Ich muss mich wieder umdrehen, weil eine der älteren Trinkerinnen den Anschein macht, mich zu kennen. Schon gut.

Hermannstraße. Ich habe irgendwo gelesen, dass der historisch belegte Germane Hermann, lateinisch „Arminius“ (Ach, deswegen heißt die Apotheke da hinten so!), … dass Hermann, der die Römer besiegte, das Vorbild für Siegfried aus der Heldensage sein soll. Der Drachentöter. Da vorne gibt es eine Siegfriedstraße; Siegfried- ecke Hermannstraße. Meine Mutter hieß Hermann mit Mädchennamen und nannte mich Siegfried, als sie natürlich schon ihren ersten Ehenamen trug.
Als wäre das ein Beleg dafür, dass die Hermann-Siegfried-Theorie nicht stimmen kann.

„Nee, du, ich hab‘ kein Kleingeld. Tut mir leid.“
Gestern habe ich ihm einen Euro gegeben, weil ich es nicht kleiner hatte.
Na, das war jetzt auf jeden Fall einer der hässlicheren Menschen in der Gegend. Ich konnte nicht mehr als vier Zähne sehen. (Die vier waren aber in Ordnung, würde ich sagen.) Manchmal mit seiner Mutti unterwegs, und so einem Kerl, der bestimmt nicht sein Papa ist; sieht ganz anders aus. Ich finde, ein Euro ist ganz schön viel, der könnte ruhig dankbarer sein. Dass der sich nicht an mich erinnert! Aber klar, dass der Euro keinen ganzen Tag reicht. Jetzt tut’s mir wirklich leid. Naja, ich geh ja später wieder runter. Alle drei hässlich, alle zusammen so viele Zähne wie ich; und mir fehlen ja auch schon drei. Und ich weiß nicht, ob ich die nicht vielleicht doch irgendwie schön finde. Hier begegnet man den schönsten Menschen der Stadt. Keine Frage.

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2 Gedanken zu “47. – Heimweg”

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