7. – Mission Accomplished

Man sang.
Siegfried schaute auf sein Werk wie Gott auf Babel.
Babel. Babylon. Das lag im heutigen Irak, in Mesopotamien, im Land „zwischen zwei Flüssen“, Euphrat und Tigris. Man führte dort Krieg zurzeit. Wegen der anderen Turmsache.
Er erkannte in seinen Schriften alte Kindheitsfantasien, die zum Teil real geworden waren.
Und so war es ja auch in der Bibel: Gott musste vom Himmel herabsteigen, um den Turm überhaupt beurteilen zu können. Und es war ja nicht die Höhe des Turmes, die Ihn dann störte, sondern das Gottlose an dem Vorhaben. Gott wollte die Menschen nicht bestrafen, sondern sie vor sich selbst bewahren, vor ihrer Selbsterhöhung, ihren Unabhängigkeitsfantasien.
Siegfried hatte an älteste Erinnerungen anknüpfen müssen, um das alles hier zu schreiben. Und er hatte es zwischen Landwehr- und Teltowkanal verfasst, grinste er in sich hinein.
Siegfried blickte hoch in das Oster-Feuer. Mannshoch mittlerweile. Letztes Jahr hatte er nicht hier gesessen. Man schwieg kaum, und das störte Siegfried. Es handelte sich eher um ein fröhliches Gelage als um eine stille Wache. Er war der Einzige hier, der schwieg.
Nur diesen Stapel ausgedruckter Texte in seiner Hand, 200 Seiten, sonst gab es nichts mehr, was an diese bald zwei Jahre Arbeit erinnerte, zumindest nichts, was sich noch in seinem Besitz befunden hätte.
Die im Internet veröffentlichten Texte hatte er, so gut es ging, gelöscht. Es würde noch einige Zeit etliches davon in Suchmaschinen-Caches zu finden sein, das wusste Siegfried.
Seinen eigenen Rechner hatte er verkauft, um sich einen Rückgriff so schwer wie möglich zu machen. Er würde jetzt ein Jahr ohne Computer leben. Vierzig Tage in der Wüste. Nur länger.
Der Mensch braucht Ritus. Besonders, wenn es gilt, mit etwas abzuschließen.
Zwei Jahre, in denen die Grenzen zwischen Wirklichkeit, Fiktion und Wahn sich bis zur Unkenntlichkeit verwischt hatten. Er hatte sie genossen.
Er würde auch weiter schreiben, das wusste er. Nicht gleich morgen, aber vielleicht zu Pfingsten.
Es ist gut, sich an solchen Dingen zu orientieren. Zwischen Ostern und Pfingsten lagen fünfzig Tage: sieben Wochen und ein Tag. So lange würde er durchhalten.
Und morgen, nein, übermorgen würde er seinen Vater anrufen. Seinen leiblichen Vater. Am Dienstag.
Würde er heute, nein, morgen, bei Sonnenaufgang das Vaterunser mitsprechen? Er war jetzt schon müde.
Zu Pfingsten wurde nach christlicher Auffassung die Babylonische Sprachverwirrung behoben, fiel Siegfried ein.
Fernes Glockenläuten. Mitternacht. Jetzt war morgen. Heute.
Siegfried erhob sich. Stille. Schweigen. Die Flammen wärmten sein Gesicht. Er ließ die Tränen fließen. Atmete. Holte aus. Alle Wut der Welt lag in diesem Wurf.

„Tor! Tor! Tor!“, riefen ein paar Jugendliche, die Siegfried aus früherer Gemeindearbeit kannten. Er drehte sich um, wischte eine Träne fort, doch nur die eine, und erhob in Siegerpose beide Arme. Er lachte. Und verbeugte sich.
Nur 199 Seiten hatten das Feuer erreicht. Er hob das Blatt auf. Es war das unterste gewesen.
Sein allererstes Gedicht. Gerettet. Verdammt.
Man bat ihn, es vorzutragen. Und er gab nach. Verflucht.

weiter

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