41. – Nemo propheta in patria

Susanne war diejenige, die irgendwann anfing – da waren wir noch kein Paar –, mich „Friedrich“ zu nennen, später dann „Fritz“. Und alle griffen das auf. Ich hatte mich immer gegen „Siggi“ gewehrt, und es war allgemein bekannt, dass ich den Band zwei der Werke Friedrich Wilhelm Nietzsches in der Stadtbücherei dauerhaft ausgeliehen hatte. Man hatte mich im Jahr zuvor auf dem Schulhof Die fröhliche Wissenschaft und Jenseits von Gut und Böse lesen sehen. Der Name gefiel mir, ich fand es lustig, und mir kam nie ein Zusammenhang mit meinem leiblichen Vater in Betracht, der Friedrich hieß, wie ich damals eigentlich schon wusste.
Ich hatte ganz kurze Anwandlungen, Schriftsteller zu werden, und zog in Erwägung, „Friedrich“ als Teil eines Pseudonyms zu verwenden.
Ich kannte auch schon damals die Geschichte von Günther Stern, der – auch zur Differenzierung von seinem recht berühmten Vater, einem Psychologen – das vielsagende Pseudonym „Anders“ angenommen hatte. Günther Anders war linker Kulturkritiker und mir als Jugendlicher ein Vorbild; für einen Artikel in der Schülerzeitung benutzte ich den Namen „Friedrich Anders“.
Nicht lange nach dem Abitur würde ich Heike Anders kennenlernen, später heiraten und ihren Nachnamen annehmen. Sie kannte mich zunächst nur als „Fritz“. Nur meine Mutter und meine Großmutter nannten mich noch „Siggi“. Auch an meinem ersten Arbeitsplatz, wo ich Heike kennenlernte, hatte ich mich so vorgestellt: „Hallo, ich heiße Siegfried Althenburg. Mit TH. Man nennt mich aber Fritz.“
Meine Kinder, die ich mit Heike, meiner ersten Ehefrau, habe, heißen Anders. Wie sie. Wie ich, damals.
Wie soll ich jetzt ernsthaft weiterschreiben?
Ich habe, nachdem ich meinen Vater kennenlernte, und er krank wurde, und ich ja schon einige Jahre geschieden war, und meine Mutter tot war, und meine Kinder bei der Mutter wohnten, nach alledem, habe ich meinen Geburtsnamen wieder angenommen. Und ich fing an, ernsthaft zu schreiben.
Die Kinder heißen noch Anders; sie heißen jetzt anders als ich. Ich heiße anders als sie.
Ich wollte nicht mehr Anders heißen. Ich konnte nichts Lustiges mehr darin finden.
Und seit ich meinen Vater kannte, nennt nur Susanne mich noch Fritz. Dafür darf ich in meinen Geschichten ihren Namen verwenden. Sie fühle sich eh nicht gemeint.

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