12. – Mutter

»Johannes?«
Johannes. Das war ich. Ich heiße aber Johann. Sie meinte mich.
Ich ergriff ihre dargebotene Hand, die ich, noch benommen, seit gefühlten Ewig­keiten angestarrt hatte.
Statt mich hochziehen zu lassen, zog ich sie zu mir an die Bank.
»Wirst du sterben?«, kam es aus mir heraus.
»Ich weiß nicht. Am Montag fange ich erstmal mit der Chemo an. Aber das ist erst übermorgen.« Sie nahm mein Gesicht zwischen ihre Hände. »Du hast mir eben einen Tag geschenkt. Gehst du morgen mit mir Dampferfahren?«
Sie ließ ihre Reize spielen, stellte ihr rechtes Knie zwischen meine. Ihr warmer Bauch vor meinem Gesicht. Ich konnte sie riechen.
»Du weißt: Dein Wunsch ist mir Befehl. Und warum nicht heute?«, erkundigte ich mich.
Mädchenhaftes Schulterzucken. »Dampferfahren ist immer sonntags.«
»Ich verstehe: immer nach dem Gottesdienst«, sagte ich, und dann mein Köder: »Und was machst du heute?«
Sie schwang sich auf meinen Schoß, wie ein Teenager. »Liebe. Mit dir«, sagte sie herausfordernd.
Angebissen.
Doch ich war überfordert mit meinem großen Fang. Liebe. Mit mir. Warum mit mir? Hier auf der Parkbank am Ufer? Sie hatte meinen Namen nicht mal richtig verstanden.
»Oder hast du was vor?«, fragte sie ernst, fast panischer Unterton, da ich nicht sofort reagierte.
»Ich habe nichts vor«, beruhigte ich sie, gerührt. Was war schon ein Name? »Ich bin ganz dein. Aber den ganzen Tag Liebe machen? Ich werde im Sommer vierzig!«

Sie lacht.

Sie lachte, erleichtert, und drückte meinen Kopf an ihren Hals. Ich liebte ihr Lachen. Ihr Körper bebte, ihr runder Bauch auf meinem, ihre üppigen Schenkel auf meinen. Dann wieder ernst, fordernd, nahm sie meine rechte Hand, legte sie auf ihren Rücken und führte sie in ihre Jeans, zum Gesäß. Mit ihrer rechten legte sie ihren Busen bis zu den Brustwarzen frei. Tief dunkler, brauner Vorhof.
»Hast du gestillt?«, hörte ich mich fragen.

Sie seufzte. Sie erhob sich, bedeckte ihre Blöße und setzte sich neben mich, links, und ich verfluchte schon meine höheren Hirnfunktionen.

Sie nimmt meine Hand.

Sie. Fremde. Vertraute. Mutter. Göttin. Geliebte. Mein.

Doch sie nahm meine linke Hand und sah zunächst geradeaus, die Straße hoch, die uns ans Ufer geführt hatte. Das Haus mit der Cocktail-Party war von der Bank aus zu sehen. Dann sah sie runter.
»Was mache ich hier?«, fragte sie meine Hand.
»Du verführst mich«, mischte ich mich ein.
Sie überging das. »Sie ist zwei. Seit gestern. Vorgestern.« Sie wischte sich über die Stirn. »Welcher ist heute? Ich bin betrunken.« Ich wandte mich ihr zu. Sie redete weiter. »Sie ist bei ihrem Vater. Da drüben geboren.« Sie zeigte rechts hinter mich, zum Krankenhaus, wieder ohne hinzusehen. »Hat sechs Stunden gedauert. Er war dabei. Ich war seitdem nicht mehr aus, schon gar nicht betrunken. Zwei Jahre.«
Ich dachte, sie würde gleich in Tränen ausbrechen, stattdessen wurde sie ruhig, drehte sich zu mir und lächelte: »Ich hab’ sie gestillt.« Und ich musste ihr einfach auf den Busen starren.
»Ich bin nicht betrunken«, sagte ich nur.

Und wir lachen.

Sie lacht.

»Komm, lass uns gehen«, sagte ich endlich, und stand auf. »Ich will hier weg. Mein Vater ist da oben gestorben, im achten Stock. Und: Ich heiße Johann, ohne ›es‹.«
Sie ließ sich von mir hochziehen. »Wie? Ohne S? Du meinst ohne E-S? Ach so!«, sagte sie. »Dann war das mit der Salomé gar nicht so witzig.«
»Wär’s auch so nicht gewesen«, meinte ich.
Wir verließen den Uferpark.
Sie überlegte. »Na, du hast so genuschelt.«
»Du meinst gelallt?«
»Aber du bist doch nicht betrunken«, neckte sie.
Wir gingen die Straße hoch.
»Nicht wirklich. Geht so«, fand ich. »Ich trinke so selten, jedenfalls kaum Cocktails. Zwei hatte ich.«
Vorbei am Hauseingang, vor dem ihr BH noch lag.
»Weißt du, was ich liebe?«, leitete sie ein.
»Mich?«, fuhr ich ihr in die Rede.
»Nicht wen; was! Doofkopp! Weißt du, was ich liebe, was ich jetzt gerade genieße?«, setzte sie erneut an. »Diesen Zustand an der Schwelle, an der man gerade so viel getrunken hat, dass man noch weiß, dass die Hemmungen schwinden, und in dem man umso verklemmter ist, umso alberner, weil man irgendwie noch Angst hat vor der eigenen Courage. Geht’s dir auch so?«
Das war ein verdammt langer Satz. »Ja«, antwortete ich.
»Liebst du den auch? Den Zustand? Johannes?« Sie hakte sich bei mir ein, lehnte ihren Kopf an meine Schulter.
»Ja, Salomé«, antwortete ich, ihre Locken in meinem Gesicht. »Den liebe ich auch, den Zustand. Lass ihn uns beenden.« Ich zeigte auf die Straßenecke. »In der Kneipe da vorne gibt es echt gutes Bier.«

Wir kehrten ein, nahmen Platz auf einer Ledercouch, bestellten und tranken hervorragendes, frisch gezapftes, norddeutsches Bier. Wir unterhielten uns über das Lied von Leonhard Cohen, ob Jesus ein Matrose gewesen sei, als er auf dem Wasser ging, oder ein Seemann; über Johannes den Täufer. Über die Pfingst-Dampferfahrten unserer Kindheit. Und über die Liebe: die Liebe zu den Eltern, zum eigenen Kind, zum Nächsten und zu Gott. Über ihren perfekten Körper, den ich nicht nur im Geiste berührte, denn meine Hand wanderte immerzu an diese eine Stelle zwischen Gesäß und Rücken.
Sie meinte natürlich, sie sei zu dick (seit der Schwangerschaft), was ich bestritt, was sie mir nicht glaubte, was zu der üblichen Auseinandersetzung über Begrifflich­keiten führte: »dick«, »füllig«; »drall«, »vollschlank«; »pummelig«, »üppig«; »rund«, »gebärfreudig«. Wir einigten uns auf das bewährte »perfekt«.

»Meine Haare werden ausfallen«, sagte sie plötzlich. »Ich habe Angst.« Ihre Augen. Ihr Atem. Meine Kehle.
Endlich sagte ich etwas Aufrichtiges: »Das tut mir leid.«
Ich fuhr ihr mit den Fingern durchs volle, lockige Haar und etwas geschah mit mir. Mit uns.

Ich legte mich auf den Rücken, meinen Kopf auf ihren warmen Schoß, meine linke Wange an ihrem perfekten Bauch. Ihre Brust berührte mein Gesicht. Diesmal war ich bei vollem Bewusstsein.
Sie streichelte meinen geschorenen Kopf und ich spielte mit ihren kräftigen, schwarzen Locken.
»Ich habe einen Haarschneider zu Hause. Möchtest du lieber, dass ich sie dir abschneide?«
»Würdest du das tun?«, fragte sie gerührt.
Ich fühlte mich, als hätte ich ihr einen Heiratsantrag gemacht.

Ich nicke.

Sie sagt ja.

Sie. Fremde. Vertraute. Mutter. Göttin. Geliebte. Mein.

Diskretes Räuspern.

Die Bedienung fragte, ob wir noch etwas bestellen wollten. Wir waren fast zwei Stunden mit einem Bier ausgekommen.
Wir zahlten. Wir gingen. Hinaus in die milde, reine Mai-Nacht. Mittlerweile wolkenlos, sternenklar. Wir liefen, Arm in Arm, zurück in Richtung Kanal, da ich auf der anderen Seite, jenseits des Krankenhauses, wohnte.

Als wir wieder an dem Haus mit der schuhlosen Party vorbeikamen, zerrte sie mich in den Eingang. Sie überfiel mich. Mit Armen, Lippen, Bauch und Schenkeln.

Und alle Kopflast wich von mir.

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