13. – Göttin

Sie wird schon wiederkommen.

Johann wartete auf der Brücke. Er schaute auf das still fließende Wasser des Landwehrkanals, als wäre es der reißende Nil, oder, passender noch: der Jordan. Er hatte gezögert, die Brücke ganz zu überqueren und ließ Susanne vorausgehen. Die Floskel »über den Jordan gehen« war ihm gar nicht in den Sinn gekommen. Nicht gleich. Nicht bewusst. Er konnte nicht schwimmen, und hatte Brücken nie ganz vertraut. (»Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand«, hieß es bei Fontane.)

Johann war auserwählt. So sah er das. Sie war seine Göttin der Nacht, zumindest die Göttin dieser Nacht, die Frau vom Fluss.
Was waren schon Namen und Begriffe? Der Lauf des Mondes um die Erde lenkte die Gezeiten in Flüssen und Kanälen gleichermaßen, auch wenn die einen ursprünglich, von der Natur, und die anderen künstlich, von Menschenhand, angelegt waren. Baulich unterschieden sie sich hier, in der Großstadt, allemal nicht.

Johann sah hoch.

Hier hat sie ihr Kind zur Welt gebracht.

Unter demselben Dach, unter dem sie ihre Tochter geboren hatte, war sein Vater gestorben, sogar am selben Tag. Das hatte er ihr noch nicht erzählt.

Er war froh, das Gebäude jetzt nicht betreten zu müssen.

War er damals schon auserwählt worden? Vor zwei Jahren und zwei Tagen? War er ihr vielleicht damals schon im Foyer begegnet? Das war ein Dienstag gewesen. Er versuchte, sich an eine hochschwangere Frau mit schwarzer Lockenmähne zu erinnern.
Oder war die Wahl auf ihn doch erst vor drei Stunden gefallen, um Mitternacht vorm Spiegel im Flur?
Warum nicht Vorsatz unterstellen? Wäre er dann zynisch? Offensichtliche Auswahlkriterien: sein kahlgeschorener Kopf und seine Vorliebe für freigelegte Nacken. Als wäre Haareschneiden eine göttliche Mission. Frisöre wären dann nicht so schlecht bezahlt.
Streng genommen – astronomisch betrachtet – war es ja gar nicht Mitternacht gewesen, fiel ihm ein, denn, um Tageslicht zu sparen, war von Menschen irgendwann beschlossen worden, die Uhren am letzten Sonntag im März um eine Stunde vorzudrehen. Mitternacht war also eigentlich erst um ein Uhr. Der Mensch bemächtigte sich der Zeit, wie er sich – durch den Bau von Kanälen – der tragenden Kraft des Wassers bemächtigte.
»Ungeheuer ist vieles, doch nichts ungeheurer als der Mensch«, hieß es im Standlied des Sophokles, das die Gewalt des Menschen über die Natur besingt. Uhren hatte es in der Antike noch nicht gegeben.
Und zu guter Letzt floss doch alles ins Meer.
Das Wasser, auf das Johann jetzt schaute, würde über die Spree, die Havel und die Elbe durch ganz Norddeutschland fließen, das auch Niederdeutschland heißen könnte, und wo es die besten Biere gab, fand er, die dann wieder hier, flussaufwärts, in den Kneipen verkauft werden. Ein Kreislauf, die Wandlung des Wassers.

Sie ist gerade erst hochgegangen, sagte er sich. Ungeduldig. Sie braucht noch etwas Zeit. Ob sie sich auch gleich einen BH anzieht?
Er schmunzelte. Das würde die Wogen glätten. Woran ihm nicht wirklich etwas lag. Worte. Spielereien.

Sie fürchtete sich davor, bei der bevorstehenden Chemotherapie büschelweise ihre Haare zu verlieren. Er hatte angeboten, ihr mit seiner Haarschneidemaschine den Kopf kahl zu scheren, um dem zuvorzukommen. Ihm wurde mulmig. Es sind nur Haare. Sie hatte den Körper einer Fruchtbarkeitsgöttin, fand er. Himmlisch. Ein Himmelskörper, sozusagen. (Er musste lachen und schaute sich um, ob ihn jemand sah.) Was soll da die Frisur ausmachen?
Fand sie sich wirklich dick, oder hatte sie nur kokettiert mit ihren perfekten weiblichen Rundungen?
Sie spielte mit ihm. Aber nicht zum Spaß.

Sie vertraut mir.

Sie. Fremde. Vertraute. Mutter. Göttin. Geliebte. Sein.

Sie hatte sich ihm anvertraut, und er musste wieder an das Lied von Leonhard Cohen denken. Er fuhr sich mit dem Finger über die Stirn, zwischen die Brauen; er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und schleuderte eine in den Fluss.
Warum war er in Ohnmacht gefallen? Nach nur zwei Cocktails? Er war ja immer noch ohnmächtig, wurde ihm klar, kopflos. Den Verlust seines Vaters hatte er doch überwunden. Er war wohl einfach nicht darauf vorbereitet gewesen, ihm heute Nacht noch einmal zu begegnen.
Vielleicht war die Frage falsch gestellt und er war gestorben, um in ihren Armen wiedergeboren zu werden. Neu geboren auf einer Parkbank am Ufer.
Johann sah hoch zum zunehmenden Mond.

Als er sie üppig, wiegenden Schrittes, aus dem Krankenhausgebäude kommen sah, überquerte er ohne Zögern den Rest der Brücke, um ihr entgegen zu gehen.
Sie standen kurz voreinander. Hatte sie es sich anders überlegt? Johann fragte, ob sie alles habe.
Sie präsentierte ihre Umhängetasche, die sie aus ihrem Zimmer in der Station im achten Stock geholt hatte und fragte, ob es ihm gut gehe. Sie hatte wohl seine feuchten Augen bemerkt.
Er antwortete, er habe Abschied genommen. Von einem vergangenen Leben.

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