5. – „Trage meinen Ring um deinen Hals“

So singt Elvis 1958. Komisches Bild zunächst. Vielleicht Absicht. Wie kriegt man einen Ring um den Hals? Aber gemeint ist natürlich, dass das Mädel, das er ansingt, seinen Ring an ihrer Halskette tragen soll. Als Zeichen der Verbundenheit – oder des Besitzes, wie man’s nimmt. Weil man „miteinander geht“. Das wäre dann der Jahrgangsring der Highschool. Er trüge dann ihren Ring an seinem kleinen Finger. (Mädels haben ja kleinere Finger als Jungs.) Wie soll man das als Deutscher auch wissen? Die Amis pflegen halt komische Sitten.
Siegfried trug das Kreuz seiner Mutter um seinen Hals. Also, an einer Halskette, natürlich. Sie hatte es ihm geschenkt, als er mit knapp dreißig Jahren getauft wurde. Stimmt so nicht. Sie hatte ihm ein anderes, ein goldenes Kreuz geschenkt, mit einer goldenen Kette. Nun trug Siegfried aber kein Gold. Partout nicht. Nie. Nach einem Tag des Zögerns hat er ihr das dann mitgeteilt – auf die Gefahr hin, wieder einmal undankbar zu erscheinen. Aber: Als seine Mutter hätte sie das ja wissen können, oder? Oder?
Sie seufzte, wie immer, wenn sie ihm etwas Unpassendes geschenkt hatte; und sie gingen zusammen zum Juwelier, um die ganze Chose umzutauschen. Sie hatte den Kaufbeleg aufgehoben.
Gold ist teurer als Silber. (Hier würde jetzt eventuell sowas Kluggeschissenes über Schweigen und Reden hinpassen, aber das muss ja nicht sein.) Bei dem Umtausch fiel für ihn zusätzlich zur Kette und zum eher nicht so schönen neuen silbernen Kreuz noch eine Armbanduhr ab – und für seine Mutter ein Paar Ohrringe. So hatten dann doch beide etwas davon.

Siegfried war schon immer farbenblind, zumindest stark eingeschränkt, was Farbwahr­nehmung angeht.
Kaum ein Jahr nach seiner Taufe, als seine Mutter schon erkrankt war an dem Krebs, der ihr das Leben zerfressen würde, war er gerade ausgezogen aus der Wohnung der Familie, die er gegründet hatte, um auch mal eine zu haben. Er zog einstweilen zu einer Freundin, die er erst seit einigen Wochen kannte. Da trug er noch seinen Ehering. Sie zeigte ihm die Wohnung und wollte ihm ein Handtuch zuteilen.
Sie hatte zunächst ein dunkelblaues aus dem Schrank genommen, zögerte, ehe es am Haken hing („Gast“), legte es zurück und nahm eines mit einem grün-blauen Fischmuster.
Siegfried fragte, warum das eine und nicht das andere Handtuch.
„Du bist doch farbenblind. So kannst du sie besser unterscheiden“, antwortete sie und hängte das Tuch neben ihres.
Siegfried griff nach dem Kreuz an seinem Hals. Kreuz und Ring berührten sich kalt. Bei seinen beiden Familien hatte es nur einfarbige Handtücher gegeben. Er war endlich zuhause; hier würde er bleiben.

Siegfried wurde geschieden und trug irgendwann den Ring nicht mehr.
Doch er trug noch eine ganze Weile das Kreuz seiner Mutter. An einer Kette.

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