139. – Thomashöhe

Raus.

Das Schleifen der Kunststoff-Enden meiner Schnürsenkel auf dem Asphalt.

Auf trockenen Straßen klingt es anders als auf nassen. Wäre es nass, würde ich sie natürlich zubinden. Die Schuhe sitzen auch so ganz gut, und ich gehe gleich wieder hoch.

An der Ecke steht ein Fahrrad, das als Werbefläche genutzt wird, für das Antiquariat gegenüber. Hier gibt es wenig Antiquariate, wenig Buchläden. Wenn das Fahrrad fahrtüchtiger aussähe, stünde es nicht mehr dort.

Mir ist zu Ohren gekommen, dass neuerdings nicht nur Jacken von Jugendlichen »abgezogen« werden, sondern auch Schuhe, vor allem Markenturnschuhe. Meine Schuhe sind neu, und ich habe eine weitverbreitete Schuhgröße. Macht also Sinn, sie gleich offen zu lassen.
Ich frage mich, ob die jungen Delinquenten sich nach der Schuhgröße erkunden, bevor sie die Schuhbesitzer bedrohen.

Das Bier beim Spätkauf links die Hermannstraße runter steht in defekten Kühlschränken. Es ist nur geringfügig unter Zimmertemperatur gelagert. Der Laden ist neu. Jetzt, im kühlen Herbst, macht das nicht so viel, denkt sich wohl der Besitzer. Bis die Kunden das Zeug trinken, hat es die notwendige Außentemperatur erreicht. Das milde Herbstwetter heute bietet also von daher Grund genug, rechtsrum zu gehen.

Ach, eigentlich habe ich gar keinen Appetit auf Bier. Lieber’n Milchkaffee im Körnerpark. Also doch die Schnürsenkel zu machen. Das ist weiter.
Vollmond.
In einer an den Körnerpark angrenzenden Grünanlage wurde letztes Jahr die verkohlte Leiche einer jungen Frau in einem verbrannten Koffer gefunden. Hier klebten überall Aushänge der Polizei mit Bitten um Hinweise aus der Bevölkerung. Der Tathergang ist geklärt, aber nicht, wer wirklich die Täter waren. Sie hatte eine Überdosis Drogen genommen, verlor das Bewusstsein, und wurde in den Koffer gezwängt, wahrscheinlich von ihren Dealern. Der Koffer wurde mit Brandbeschleuniger übergossen und angezündet.
Vielleicht hatten sie sie für bereits tot gehalten.

Gymnasiastin war sie, einssiebzig groß und wog nur fünfzig Kilo. Ihren Namen habe ich vergessen. Vierzehn war sie; man hatte sie wegen ihrer Größe zunächst für älter gehalten, bevor sie identifiziert wurde.

In einer Berliner Boulevard-Zeitung wurde das Haus abgebildet, in dem sie mit ihrer Mutter gelebt hatte.

Da vorne ist es.

Komisch, dass ich hier lang gehe; liegt gar nicht auf meinem Weg.

Kristina hieß sie. Kristina. Hani, glaube ich. Kristina Hani.

Vierzehn.

Gut, dass es im Körnerpark auch Bier gibt.

weiter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s