14. – Geliebte

Nur mit einem Slip bekleidet, verlegen lächelnd, aber ohne Scheu, überraschst du mich im Halbdunkel des Badezimmers, noch bei den Vorbereitungen. Deine Leiblichkeit erfüllt sofort den Raum.

Ich frage dich, ob du lieber sitzen möchtest, und zeige auf den Hocker, den ich aus dem Wohnzimmer hierher geholt habe. Du verneinst wortlos und bestaunst stumm die Teelichter, die ich im Bad verteilt habe, weil das Licht der Morgendämmerung für unser Vorhaben nicht ausreichen wird. Du atmest tief ein, bemerkst den Honigduft der Kerzen. Ich finde das Aroma einen Hauch zu kräftig, lösche einige Flammen, und es wird kaum merklich dunkler.

Du gehst zum Waschbecken, über dem der Spiegel hängt.
»Soll ich ihn lieber abnehmen?«, frage ich.
Du siehst mich schweigend im Spiegel an. Ich verstehe. Er soll bleiben.

Du zitterst zart vor banger Erwartung. Ich ziehe mein T-Shirt aus. Schon erscheinst du weniger entblößt.
Du betrachtest dich ruhig im Spiegel, fährst dir durch die dunklen Locken. Abschied.

Ich neige mich vor dir über das Waschbecken, nehme den Haarschneider aus dem Spiegelschrank. Dabei streichst du mir über das Ohr und über meinen kahlen Schädel mit den feinen Stoppeln.

Es ist alles bereit. Wir können beginnen.

Zur eigenen Beruhigung summe ich eine unbestimmte Melodie. Mir bangt vor dem Geräusch der Haarschneidemaschine. Dennoch schalte ich sie an; ein deutliches »Klack«; aber das Gerät brummt nur leise eintönig. Ich summe Obertöne, und du musst auflachen, aber nur kurz. Das Lächeln, ein Reflex, fällt gleich wieder. Du atmest kräftig ein, deine Brüste heben sich. Hoch. Runter.
Ich stehe neben dir, betrachte dich, und kann mich nicht sattsehen.

Du siehst mich im Spiegel an und hebst deine Haare mit der Hand der mir abgewandten Seite.
Du neigst dein Haupt.

Du. Fremde. Vertraute. Mutter. Göttin. Geliebte. Mein.

Wieder dieses Ziehen zwischen den Brauen.
Um die Träne zu verbergen, lege ich meine Stirn auf deinen Nacken.
Aus. Ein. Aus.
Ich streichele deinen Rücken, küsse deine Schulter und nehme den Haarschneider in die rechte Hand.
Für einen Moment bin ich das Joch, das du tragen musst, dein Henker.
Ich setze endlich seitlich an deinem Haaransatz im Nacken an und schiebe sanft aber zügig die schwingenden Scherblätter über deinen Schädel, hinterm Ohr vorbei bis zur Schläfe. Dichte Streifen schwerer schwarzer Locken rutschen – zusammen mit stillen Tränen – über deine linke Brust auf den Badezimmerboden.
Ich warte.

Du richtest dich auf, atmest tief ein, und aus, und ermutigst mich im Spiegel, weiterzumachen.

Ich setze erneut an, meine linke Hand auf deinem perfekten Bauch, mein Unterleib an deiner perfekten Hüfte, und du greifst meine Seite, während du schon beim zweiten Zug des Gerätes geschickt deinen Kopf der surrenden Maschine entgegen kippst. Und die nächsten Bündel Haar fallen, flüchtig meinen Bauch streifend, hinter dir auf den Boden.

Mit jedem Zug begebe ich mich ein Stück weiter nach rechts. Du schließt die Augen. Du drehst dich ein wenig mit. Schnell haben wir einen Rhythmus etabliert, einen langsamen, ruhigen Tanz. Gegen den Uhrzeigersinn. Ich die Minuten, du die Stunden.

Ich bin an der Mitte deines Kopfes angekommen, trete hinter dich und gebe den Weg frei für das wenige, dämmrige Sonnenlicht, das diffus durchs Milchglas-Fenster dringt, und nun die kahle Hälfte deines blassen Schädels beleuchtet.

Zunehmender Halbmond.

Du atmest schwerer, erregt vom Vibrieren des Scherkopfes. Dein Schweiß, der zunächst tausend kleine glänzende Perlen auf deiner Haut entstehen ließ, bildet nun eine feine, feuchte Schicht, an der vereinzelt Haare hängen bleiben. Ich rieche deine Erregung.
Rechts angekommen, muss ich den Haarschneider in die andere Hand nehmen, bemüht, nicht aus dem Rhythmus zu kommen.
Ich werde etwas zu hastig und muss einige Scherzüge wiederholen.
Wir kommen aus dem Takt.

Du öffnest die Augen. Ich schalte das Gerät ab.

Stille. Atem.

Du siehst in den Spiegel.
Du schaust auf den Boden nach deinen Haaren und fährst dir mit den Handflächen über den Schädel, der dir nicht mehr gehören will. Überwältigt, setzt du dich auf den bereitgestellten Hocker. Du schluchzt, beide Hände vorm Gesicht.
Dann sucht deine rechte nach mir und zieht mich zu dir.
Ich gehe vor dir in die Knie.

Du nimmst mein Gesicht zwischen deine Hände und küsst mich. Tränen berühren meine Nasenspitze. Du lehnst dich nach hinten, ziehst mich auf dich, auf deinen perfekten Bauch. Ich habe nicht genug Hände.
Du lässt dein perfektes Gesäß vom Hocker rutschen, bis wir voreinander – zwischen den Locken – auf dem Badezimmerteppich knien.
Du nimmst mein Gesicht zwischen deine Hände und küsst mich. Aggressiv. Fordernd. Schnaubend.
Tränen berühren unsere Nasen, unseren Mund.
Nicht genug Arme. Ertrinken. Versinken.
Straucheln, tauchen, schwimmen, schweben.
Milch. Honig. Mai.
Licht. Sonne. Leben.
Morgen.

Ich habe keinen Namen mehr, keinen Kopf. Und keine Worte.

Epilog

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