44. – Familienroman (Die Gretchenfrage)

Mutti nickte stumm. Sie verstand, dass ich Heikes Namen annehmen würde. Aber ich wusste nicht: Verstand sie es falsch? Dass ich anders hieß als sie, war sie gewohnt. Mutti hatte meinen Geburtsnamen nur kurz getragen, kaum länger als ich jetzt meinen „Familiennamen“. Fast mein ganzes Leben lang hieß ich anders als sie. Als auf dem Altar mein Nachname ausgesprochen wurde, der nie ihrer gewesen war, lächelte sie milde.
Sie war immer stolz darauf gewesen, dass ich nicht als Säugling getauft worden war. Und ich empfand es als Aufgabe, mich als Erwachsener zumindest damit zu befassen.
Hatte Manfred eine Nottaufe erhalten? Er war immerhin in einem katholischen Krankenhaus geboren worden, in demselben wie ich – und dort gestorben. Hat er überhaupt geatmet? Ich kann sie nicht mehr fragen. Mutti war evangelisch. Wie ich.
Welche Geschichte würde die tiefere ergeben, meine oder Manfreds Geschichte? Er hatte sich taufen lassen, bevor er geheiratet hat, und wurde nicht unter seinem angenommenen Namen getauft, seinem Familiennamen, sondern unter seinem Geburtsnamen. Wie sollte ich seinen zweiten Namenswechsel motivieren? Ich habe ihm eine ganze Biographie angedichtet, aber an diesem Punkt verzweifle ich. Soll ich meinen Konflikt abbilden, den des Sakrilegs im Namenswechsel oder Manfreds eher kitschige Rückkehr zum Taufnamen thematisieren? Ich könnte es offen lassen, und die Geschichte von Manfreds Erwachsenentaufe einfach weglassen. Was hat Taufe eigentlich mit dem Namen zu tun? Menschen werden auf den Namen des Vaters getauft, des Sohnes und so weiter. Bei Schiffen ist das anders.
Doktor Faustus heißt bei Marlowe „John“ mit Vornamen, wohl wegen „Johann“ aus der deutschen Vorlage. Goethe, der ja selbst „Johann“ hieß, nannte Faust dann „Heinrich“. („Heinrich, mir graut’s vor dir“, sagt Gretchen, kurz bevor sie stirbt. Bei Goethe ist sie die eigentliche, im klassischen Sinne, tragische Figur.) Lord Byron gab seinem Faust den Namen „Manfred“, aber keinen Nachnamen, glaube ich. Bin ich über Byron an Goethe gekommen? Auch die Namen „Jörg“ und „Georg“ kommen vor bei Fausts historischen Vorbildern. Georg ist mein zweiter Vorname. Manfred hatte keinen. Laut Urkunde.
In den alten Urkunden meiner Urgroßeltern sind die Rufnamen unterstrichen. Die hatten zum Teil vier Vornamen und ließen sich nicht immer mit dem ersten rufen. Das ist nicht mehr üblich. Gut so, wenn man bedenkt, wie häufig heute Doppelnamen vorkommen. Ein Doppelname kam für mich nie in Betracht.
Der englische Autor Robert Graves hat bei deutschen Übersetzungen seiner Werke seinem englischen Namen den seiner deutschen Vorfahren angefügt, mitsamt Adelstitel. „Robert von Ranke-Graves“. Ironisch. Otto Rank (allerdings ohne E) schrieb das Buch „Der Mythus von der Geburt des Helden“, zu dem sein Mentor Sigmund Freud den Aufsatz „Der Familienroman der Neurotiker“ beisteuerte. Mit „Familienroman“ bezeichnete Freud die Neigung einiger seiner Patienten, ihre Familie aufzuwerten, indem sie ihr adelige, gar königliche Herkunft andichteten. Das war konzeptionell der Vorläufer – oder eine Variante – des Ödipus-Komplexes. Graves, wiederum, hat in seinem Buch „The Greek Myths“ den Ödipus-Komplex als Instinkt verrissen; der sei ein unhistorisches Missverständnis.
„Ödipus“ heißt „Schwellfuß“ auf Deutsch, denn ihm war bei seiner Aussetzung ein Fuß gebrochen worden, oder beide. (Ich frage mich, wie alt er da gewesen sein soll.)

Lord Byron, der mit Vornamen George hieß, hatte einen Klumpfuß, sagt man.

Naja, und ich trete hier auf der Stelle.

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