156. – Papas Dritte

„Zu groß“, steht da.
Mit blauem Kugelschreiber geschrieben.
Auf einem mit Papas Namen bedruckten Aufkleber.
Auf dem Deckel der blauen Plastikdose.

Was soll das bedeuten, „zu groß“?
Meine Hand greift nach der Dose.

Noch bevor ich die Dose halte, verstehe ich: Die Dritten sind zu groß. Das heißt, sie passen nicht mehr. Papa hatte zu viel abgenommen.
Da liegen nämlich seine Dritten drin, in der blauen Dose, die wohl das Krankenhaus zur Verfügung gestellt hat. Seine eigene Dose habe ich ihm ja gerade erst mitgebracht – und zur blauen gestellt, den Deckel daneben.
Papas Dose ist weiß und etwas größer als die vom Krankenhaus.

Ich hatte ihm die Dritten gestern geputzt …

Ich schaue zu Papa.

Ach, nein, das war ja vorgestern. Gestern war ich gar nicht hier.

Aber heute früh war ich hier. Und da habe ich die Dose nicht gesehen. Also hat wahrscheinlich vorhin, als ich nicht hier war, jemand die Dritten noch aus der Schublade genommen und dann festgestellt, dass sie Papa nicht passten.
Er hat mir nämlich seine Dritten – vorgestern schon – gereicht, und ich war erleichtert darüber, dass er sie selbst aus dem Mund nehmen konnte. Er hatte wohl mein Zögern bemerkt und sie eben selbst rausgenommen, obwohl er so geschwächt war.
Seine Stimme war so leise gewesen, dass ich überhaupt kaum verstanden hatte, dass ich ihm dabei hatte helfen sollen.
Dann habe ich Papas Dritte am Waschbecken geputzt. Neben dem Kopfende von Papas Bett, so dass ich mich nicht weit von ihm entfernen musste. Danach verstaute ich sie, in ein Taschentuch gewickelt, in der Schublade im Tisch. Als die Pflegerin vom Spätdienst das Zimmer betrat, um uns darauf hinzuweisen, dass die Besuchszeit seit einer halben Stunde vorbei sei – und um Papa für die Nacht zu lagern –, kam ich gar nicht auf die Idee, sie um eine Dose für Papas Dritte zu bitten.

Ich drehe den Deckel von der blauen Dose.
Und kippe seine Dritten in seine weiße Dose rüber.
Ich möchte die Dritten nicht in die Hand nehmen.

Ich schaue zu Papa rüber.
Meine Scheu ist mir unangenehm.
Wie gestern. Vorgestern. Gestern war ich nicht hier.

Papas weiße Dose mit seinen Dritten stelle ich – mit Deckel – wieder auf den Tisch. Ich gehe um das Fußende des Bettes herum und pule von dem blauen Deckel den Aufkleber mit Papas Namen ab. Ich spüle die Dose aus und lege sie, mit der Öffnung nach unten, auf die Ablage des Waschbeckens, den Deckel daneben. Den Aufkleber („zu groß“) werfe ich in den kleinen Mülleimer unter dem Becken. Ich gehe noch mal ums Fußende herum, setze mich auf den Stuhl am Bettrand und schaue auf die Armbanduhr an meinem Handgelenk.

Kurz vor 16 Uhr.

Seit einer viertel Stunde bin ich hier drin.
Den Schrank habe ich ausgeräumt, und die Schublade. Alles leer.
Drei Betten. Nur zwei belegt.
Ein Buch liegt auf dem ungemachten mittleren Bett. Wie hingeworfen.

Papa wollte nahe der Tür liegen – neben dem Waschbecken.
Aber nicht am Fenster.
Die ganze Wand ist ein Fenster.
Die Sonne scheint draußen.

Vorgestern, als Papa nachmittags hier mit mir ankam, war der erste richtige Frühlingstag in diesem Jahr, obwohl schon der halbe April vorbei war. Wir bestaunten zusammen noch den Sonnenuntergang. Hier, aus dem achten Stock des Krankenhauses.
Bevor er die Zähne rausgenommen haben wollte.

Ein Blick zu Papa.
Vielleicht sollte ich nicht zu lange bleiben. Papas Bettnachbar möchte bestimmt wieder zurück ins Zimmer. Zu seinem Buch.

Als ich heute früh hier war, verwickelte mich der Bettnachbar noch in ein Gespräch über seine Studienzeit nach dem Krieg, während Papa gewaschen wurde.
Die Pflegerin vom Frühdienst hatte mich gebeten, solange aus dem Zimmer zu gehen, und ich hatte mich daraufhin auch schon von Papa verabschiedet. („Bis morgen“, sagte ich zu ihm.) Als aber der Bettnachbar dessen ungeachtet so nett mit mir plauderte, wollte sie ihn nicht unterbrechen. Und ich stand ja mit dem Rücken zu Papas Bett. So blieb ich also im Zimmer, während Papa hinter mir gewaschen wurde. Als die Pflegerin fertig war, gab ich Papa nochmal die Hand. Er murmelte so etwas wie „Danke“ und legte seine Hand auf meine.

Das war dann der Abschied.

Vor der Tür sprach ich noch ein wenig mit Papas Bettnachbarn, der mir in den Flur gefolgt war. Bevor ich dann ging, sagte ich ihm, dass wir unser Gespräch unbedingt morgen fortsetzen sollten.

Das war heute früh.

Ich schaue Papa an.
Der Bettnachbar hatte erwähnt, dass er 85 Jahre alt sei.
„Du bist nicht mal 60 geworden, Papa“, denke ich laut.

Und ich sitze.
Und schaue Papa an.
Und ich atme.

Ich schaue Papa an und er verschwimmt.

Ich nehme meine Brille ab, lege sie auf den Tisch.
Neben Papas Dose mit seinen Dritten.

Ich sitze.

Ich atme.

Nachdem ich meine Brille wieder aufgesetzt habe, stehe ich auf, nehme die Dose mit Papas Dritten vom Tisch und bringe sie in dem Kulturbeutel unter, der noch am Fußende von Papas Bett liegt. Dort habe ich ihn hingelegt, den Beutel, ans Fußende; heute, vorhin, als ich dieses Zimmer betreten habe.
Den Kulturbeutel mit Papas Dose mit seinen Dritten drücke ich in die Tasche auf seinem Rollstuhl, in die ich schon seine Kleidung verstaut habe, die ich aus dem Schrank genommen und zusammengelegt hatte. Nachdem ich hier hereingekommen war.
Vorhin.
Heute.

Ich gehe in den Flur, frage den Pfleger, ob ich Papas Sachen nicht erst mal hier lassen könne. (Ich kann mir einfach nicht vorstellen, jetzt Papas leeren Rollstuhl aus dem Krankenhaus zu schieben.) Der Pfleger meint, das gehe in Ordnung, ich könne alles in ein paar Tagen abholen kommen.
Ich will gehen. Da steht der Bettnachbar vor der Tür. Er greift meine Hand, um sein Beileid zu bekunden, kann aber nicht sprechen. Ergriffen. Ich verstehe und nicke.
Ich danke ihm. „Bis morgen“, sage ich zu ihm. Er nickt.

Wenn ich in zwei Tagen wiederkomme, um Papas Sachen zu holen, wird der Bettnachbar entlassen worden sein.

Übersicht

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