110. – Magic Hour

Zauberstunde, »magic hour«, nennen das die Filmemacher in den amerikanischen DVD-Audiokommentaren, die Lichtverhältnisse in der Zeit um den Sonnenuntergang herum. Hier, in den Straßen der Stadt, heißt das, dass die Straßenbeleuchtung und die Autolichter mit dem schwindenden Sonnenlicht konkurrieren, die plötzlich grellscheinenden Ampelfarben mit dem tiefsatten Blau des Himmels. Es lohnt sich, mich dafür, wie heute, früher auf den Weg zur Nachtschicht zu machen.
Ein Blick auf das Display in meinem Mobiltelefon verrät mir, dass ich aber doch zu früh dran bin. Ich bräuchte von hier, selbst zu Fuß, nur zehn Minuten bis zur Arbeit, habe aber noch eine Dreiviertelstunde Zeit. Allemal genug, um in meinem Lieblingsinternetcafé noch einen Milchkaffee zu trinken und dabei Internetkontakte zu pflegen.
Ich kehre ein, und der junge Mann hinter der Theke weist mir meinen gewohnten Platz am Tisch in der Mitte des Raumes zu.
»Das Übliche?«, fragt er.

Ich nicke.

Der Rechner braucht eine Weile, um hochzufahren, und bis sich automatisch das Browserfenster öffnet. In der Zwischenzeit bekomme ich meinen großen Milchkaffee mit den üblichen drei Tütchen Zucker (zwei reichen mir, aber der junge Mann hat sich das nicht gemerkt). Ich setze die Kopfhörer auf. Einige der Internetseiten, die ich besuchen werde, bieten Musik, und das, was hier aus den Lautsprechern kommt, entspricht einfach nicht meinem Geschmack.
Ich rufe meine elektronische Post ab, und beantworte einige Briefe sofort.

Mir gegenüber sitzt im Kinderwagen ein kleines dunkeläugiges Mädchen mit schwarzen Zöpfen, schreibe ich Ulrike in einer Sofortnachricht. Sie schielt ein wenig. Für einen Kinderwagen ist sie zu alt, finde ich; bestimmt sechs oder sieben.
Meine erste Freundin Ulli. Vor über zwanzig Jahren.

Gehört sie nicht ins Bett?, antwortet Ulrike. Sie hat auch schon Kinder. Oder nur eins?

Weiß nicht, wann gehen deine denn ins Bett?

Wir chatten noch ein bisschen. Sie hat nur ein Kind.

Wie es so still dasitzt, erinnert mich das Mädchen an das Erstkommunionsfoto von Ulrike. Sonst war nichts an ihr katholisch, soweit ich mich erinnere. Ich muss an »Only the Good Die Young« von Billy Joel denken, obwohl es da um eine Virginia geht.

Ich hatte das Glück, mit Ulli die Freuden der Sexualität in dem Sommer kennenzulernen, in dem AIDS noch als eine Seuche unter Minderheiten betrachtet wurde, also als etwas, das uns nicht anging. Im Herbst desselben Jahres sind Ullis Monatsblutungen ausgeblieben. Trotz Pille. Und es sah so aus, als würden wir mit unseren fünfzehn bzw. sechzehn Jahren Eltern werden. Nach zwei Wochen war der Spuk vorbei, und wir trennten uns, überfordert.
Irgendwie auch enttäuscht.
Unser Kind wäre heute zweiundzwanzig, in dem Alter der Mutter des schönen Mädchens.

Die Kleine sitzt, bei genauem Hinsehen, in einem kleinen Rollstuhl und beginnt nun, ihren Kopf auf diese rhythmische, selbststimulierende Weise hin- und herzuschwingen, wie es auch Stevie Wonder macht, wenn er singt. Eine Verhaltensweise, die ich berufsbedingt gut kenne, ein »Hospitalismus«.
Ich schreibe Ulli davon.

Sie weiß gar nicht, was mein Beruf ist.
Ich erkläre es ihr.

Die Kleine ist aber nicht blind, glaube ich. Sie kann wohl sehen, fixiert mich aber nicht, obwohl ich direkt vor ihr sitze und sie anschaue. Bestimmt autistisch.

Jetzt schleudert sie lachend ihre Arme im selben Takt.

Während ich wortfindungsgestört im Internet recherchiere, wie die Zöpfe heißen, die sie seitlich am Kopf abstehen hat (und bei »Pippi Langstrumpf« lande), fängt das Mädchen an, bei jedem achten Schwung zu kreischen.

Ulli fragt nach der Mutter.
Warum nicht nach dem Vater?

Die sitzt mit einer Freundin an der Theke und überlässt das Kind sich selbst. Im Grunde geht es ihm ja gut. Autistenschicksal. Mich hat ein autistischer Mann vor ein paar Jahren gedrückt. So … fast in den Arm genommen. Das war sehr beeindruckend. Das ist schon der Hammer, wenn sie einem plötzlich in die Augen schauen, aber Körperkontakt haut einen dann völlig um. Man hatte sich an Distanz gewöhnt, an Parallelblicke. Jahrelang. Die beobachten einen ja, aber eben aus dem Augenwinkel. Keine Konfrontation.

Kann sein, dass das Mädchen sich meiner zärtlichen Blicke bewusst ist. Und deswegen jubelt. Vielleicht mag sie aber eben auch nur die Hip-Hop-Mucke aus dem Lautsprecher. (»Raise your hands in the air; and wave ’em like you just don’t care.«). Ob sie englisch versteht?
Ich nehme die Kopfhörer ab, um zu hören, was sie so fröhlich brüllt, ob es Worte sind, oder sinnfreie Laute. Sinnlich, frei – und laut – auf jeden Fall.
Zwischen ekstatischen Ausstößen aus tiefster Kehle brummt sie, kaum zu hören, leise jeweils dreimal »boko-boko-boko-boko«, als würde sie Anlauf nehmen. Und dann: »Brah!«
Da mag man glatt mitmachen.

Bin ein bisschen verliebt.

In zehn Jahren gehört sie zu jener Klientel, die in einer halben Stunde meinen Dienst­antritt erwartet.

Leider betreue ich seit vielen Jahren nur noch Erwachsene, antworte ich auf Ulrikes Nachfrage; obwohl ich nie wirklich gerne Kinder betreut habe.
Ich verabschiede mich von Ulrike und melde mich ab.

Ich zahle, und gehe in die perfekte, mittlerweile dunkle Nacht hinaus. Denn »magic hour«, die Zauberstunde, hält in Wirklichkeit nur zwanzig Minuten lang an.

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