106. – One of these Nights

Es war eine dieser Nächte, von denen man schon am Abend weiß, dass sie einem für immer in Erinnerung bleiben werden.
Windstiller, kühler Abend im Frühherbst, kurz nach Sonnenuntergang. Die weiß-kalten Strahlen des fast vollen Mondes, die durch das offene Bürofenster drangen, vermischten sich mit der gelblichen Ellipse des Schreibtischlampenlichtes.
25 Watt hatten mir schon immer genügt. Ich mag es nicht, wenn mir beim Lesen die Netzhäute schmerzen.
Die heutigen Arbeiten waren erledigt, und auf meinem Schreibtisch, der ausnahmsweise eine recht ordentliche Erscheinung abgab, lagen die Ordner der Fälle der ersten drei Quartale des laufenden Jahres, in zwei Stapeln geschichtet; links die abgeschlossenen Aufträge, und rechts die erledigten, für die den Kunden aber noch diese oder jene Spesen in Rechnung gestellt werden könnten. Die Bilanzen sahen im Grunde gut aus, aber nur gerade ausreichend, um die Miesen des Vorjahres auszugleichen. Die Auftragslage hätte besser sein können, denn meine Angestellten, Andrew Mayfield und Susan DuValle, würden auch im kommenden Herbst und Winter ihr Einkommen haben wollen. Sie hatten an diesem Freitagabend schon ihr Wochenende angetreten; und ich bereitete mich, zurückgelehnt in meinem Bürosessel, bei einer guten Zigarre und einem passablen Whiskey, darauf vor, es ihnen gleichzutun.
Ich spekulierte paffend, ob die beiden etwas miteinander hatten, denn beide waren nach meiner Kenntnis alleinstehend, und beide überdurchschnittlich attraktiv.
Während ich die fast senkrechten, silbern tänzelnden Linien des Zigarrenrauches bewunderte, die sich immer wieder neu in schwirrenden Wirbeln auflösten, bedauerte und genoss ich zugleich meine Einsamkeit.

Eine Wolke zog vor den Mond, und es wurde merklich dunkler im Raum. Aschenbecher und Whiskeyglas schienen aufzuleuchten; ihr Bleikristall funkelte und blitzte unter der Schreibtischlampe, der nun einzigen Lichtquelle.

Das aufdringlich klare Läuten der Haustür-Klingel unterbricht die Behaglichkeit der schummerigen, verrauchten Stille. Pflichtbewusst und dennoch seufzend, nehme ich die Füße vom Schreibtisch und richte mich auf. Ich lege die erst halbgerauchte Zigarre ab, und betätige den Türöffner neben der alten Schreibmaschine. Den eingegossenen Whiskey habe ich noch gar nicht angerührt. Ich ziehe hastig meine Büroschuhe über, um den unerwarteten Gast, der nur zwei Stockwerke zu Fuß zu bewältigen hat, nicht in Socken zu empfangen. Was soll’s. Jeder neue Auftrag ist kostbar.
Im vorderen Büro wird nicht geraucht; noch ein Zug an der Zigarre, damit sie nicht ausgeht.
Ich mache die beiden oberen Hemdknöpfe zu, öffne den obersten gleich wieder. Ich bin eh unrasiert und für den Schlips bleibt keine Zeit. Zu dieser Stunde kann man von mir nicht erwarten, noch in voller Montur auf Kunden eingestellt zu sein.
Ich spüre mal wieder, wie abhängig ich schon von Susan bin. Sie ist es, die stets Kundschaft in Empfang zu nehmen pflegt, und sie selektiert auch schon mal vor, wer für unsere Art von Dienstleistungen in Betracht kommt – und wer eben nicht. Die Leute haben oft falsche Vorstellungen von der Arbeit privater Ermittler. Susan hat einfach mehr Charme als ich, vor allem, wenn es darum geht, potentielle Klienten letztendlich zur weniger seriösen Konkurrenz zu schicken. Das war der Hauptgrund, aus dem ich sie anstellte. Ihr Charme. Zumindest versuche ich mir einzureden, dass ihr üppiger Körperbau, und ihre neuerdings großzügige Art, ihn zur Schau zu stellen, keine Einstellungskriterien waren. Ich meine, mich zu erinnern, dass sie am Anfang ihrer Anstellung bei mir hochgeschlossener gekleidet war, und abweisender. Hinter meiner Bürotür und in den Archiven der Stadt bin ich davor sicher, mich durch ihre Reize von der Arbeit ablenken zu lassen. Mayfield, jedoch, muss jeden Tag das Büro mit ihr teilen. Deswegen reißt er sich wohl neuerdings um Archiv- und Außeneinsätze. Mir ist es recht. Ich arbeite gerne vom Büro aus, und ich habe in den Archiven schon meine Leute, die ich nur anzurufen brauche. Oft muss Mayfield nur noch die bereits fertiggestellten Unterlagen abholen. Er fühlt sich dann als Laufbursche, aber man braucht zur Nachweisführung eben doch noch manches in Druckform. Susan und Mayfield fingen etwa zur gleichen Zeit bei mir an, zu Beginn des Jahres, nachdem ich beschlossen hatte, keine unrentablen Beschattungs-Aufträge für argwöhnische Ehefrauen mehr zu übernehmen. Eifersuchtsdramen sind auch einfach nicht mein Fall.
Ich öffne die Bürotür, stelle überrascht fest, dass der Empfangsbereich im Dunklen liegt. Das Licht ist aus, und ich höre schon ein leises Klopfen an der Eingangstür. So zart, wie nur Frauenhände klopfen. Die Klingel ist wohl auch abgestellt. Ich rufe, dass es offen sei, und gehe noch einmal an meinen Schreibtisch, um schnell an der Zigarre zu ziehen. Vielleicht werde ich sie ja zu Ende rauchen können. Eine kubanische. Teuer und illegal. Die letzte. Wäre schade drum. Auch wenn es unhöflich ist, jemanden in den dunklen Vorraum eintreten zu lassen. Halt. Wenn das Licht im vorderen Büro und auch die Klingel ausgeschaltet sind, dann heißt das, dass Susan vor dem Gehen wohl auch hinter sich abgeschlossen haben wird. Und folglich rappelt es auch am Türgriff. Irritierend hastig. Da hat es wohl jemand eilig.
»Tut mir leid. Die Tür ist doch abgeschlossen. Ich bin gleich bei Ihnen.« Das hätte ich freundlicher sagen können.
Ich gehe zurück zum Garderobenständer, an dem meine Jacke hängt, und hole aus der Innentasche den Büroschlüssel. Noch einen gluterhaltenden Zug an der schon schwach glimmenden Zigarre? Nein. Sie schlägt mit der flachen Hand gegen die Tür. Definitiv eine Frau. Ich höre dumpf eine Frauenstimme. Ich gehe nach vorne, betätige den Schalter neben dem Eingang, und schließe leicht geblendet und mit unruhiger Hand, die Tür auf.
»Da bin ich. Hallo. Guten Abend. John Simmons mein Name. Aber nennen Sie mich bitte ›Jack‹. Was kann ich für Sie tun?«, stammle ich nervös ins scheinbar leere Halbdunkel. Ich schaue genauer und meine Gedanken schießen wirr umher, während ich einer erwarteten Fremden noch höflich meine Hand darbiete. Doch ich kenne diese Frau. Ihre schwarzen Locken, die ungezügelt über ihre Schultern fallen. Sie schaut sich um. Tränen. Ihre erstaunlichen blauen Augen müssen sich wohl an das plötzliche Licht des Vorraums gewöhnen. Warum ist das Hausflurlicht nicht an? Ich erwarte eine Regung ihrer vollen, geschminkten Lippen, den Klang ihrer Stimme. Sie setzt an, doch ein Revolverschuss lässt Susan nur dieses eine Mal in meine wartenden Arme fallen. Das kalte Entsetzen, das durch meine Gebeine fährt und das warme Gewicht ihres Körpers zwingen mich in die Knie. Das Echo hallt noch durch das Treppenhaus und grollt durch meinen Kopf, als ich meine, ein sterbendes »Ich liebe Dich, Jack.« zu hören. Ich erwidere, doch ich weiß nicht, was. Wahrheit zählt jetzt nicht. Nur die Wirklichkeit.
Ein zweiter Schuss fällt. Aus jener dunklen Ecke am Ende des Ganges, aus der schon der Blitz und das Donnern des ersten Schusses drangen. Und ins Halblicht fällt Mayfields lebloser Körper zu Boden. Der warmen Waffe in seiner erschlaffenden Hand entsteigen graue Rauchfäden, die sich in wirren Schwaden verlieren.

Zwei Schüsse. Mitten durchs Herz.
Eifersuchtsdramen sind einfach nicht mein Fall.

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