38. – King Creole und ich

Heute vor dreißig Jahren ging ich in die Küche zu meiner Mutter und meiner Großmutter. Letztere war bei uns in Amerika zu Besuch. Sie war in Berlin geblieben. Obwohl ihr Mann, mein „Opi“, schon seit einigen Jahren tot war, hatte sie ihrer Tochter, meiner Mutter, nicht über den Atlantik folgen wollen. Das kann mit der Sprache zu tun gehabt haben. Nur in den Sommern war sie stets zu Besuch da. Dies war ihr zweiter Aufenthalt bei uns.
Es dürfte früher Abend gewesen sein, als ich mit meinem Stiefvater im schwarzweißen TV-Gerät am unteren Rand auf einem Textstreifen Weiß auf Schwarz las, dass Elvis Presley gestorben sei. Das war der Anlass, in die Küche zu gehen, wo meine Mutter und ihre Mutter sich gerade gemeinsam Fotos anschauten. Ich weiß noch, dass die Sendung, während derer diese verbreitungswürdige Nachricht quasi als Untertitel lief, „Star Trek“ war. Die Sendung – wenn wahrscheinlich auch nicht diese Folge – hatte ich schon in Deutschland im Fernsehen gesehen, unter dem Titel „Raumschiff Enterprise“. Trekkie wurde ich erst zwanzig Jahre später, deswegen weiß ich nicht mehr, um welche Folge es sich dabei handelte. Die Serie war in den Wiederholungsläufen deutlich erfolgreicher als bei den Originalausstrahlungen, und deswegen lässt sich das heute auch kaum noch recherchieren. Schwarzweiß war es jedenfalls damals. Nicht die Serie, unser Fernseher. Ich komme aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Wo war ich? Ach, ja.

Ich stürmte in die Küche und Mutti und Omi schauten Fotos, die auch zum größten Teil schwarzweiß waren. Eins dieser schwarzweißen Fotos war ein PR-Foto von Elvis Presley, auf dem er eine Kapitänsmütze trug. Das war das Foto, das meine Mutter gerade in der Hand hielt, als ich die Küche betrat.
Was ich nicht wusste: dass dies der Tag war, an dem mein Bruder zehn Jahre alt wurde. Er wuchs bei den Eltern unseres Vaters auf. Mutti und Omi (und mein Vater) sind tot, vor drei und zwei Jahren gestorben (und vor einem Jahr). Mein Bruder lebt noch, und das ganz in der Nähe, das habe ich gestern telefonisch geprüft. Bin misstrauisch geworden. Heute werde ich mir einen Elvis-Film ansehen. Einen schwarzweiß gedrehten. Und ihn feiern wie einen Bruder. Elvis ist ganz bestimmt tot. Da bin ich mir sicher. Es lebe Elvis.

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