69. – Ufer

Ich frage mich manchmal,
was das Fließende an Flüssen ist;
bin ich selbst doch eher geneigt,
in ihnen den Schnitt durchs Land zu sehen.

Das Wasser, das sie führen, ist mir
merkwürdig unzugänglich.

Dabei wäre es nur ein Sprung.

Ich nehme viel deutlicher wahr,
dass es Brücken gibt,
die sie überwinden;
und überhaupt

sind die meisten Flüsse, die ich kenne,
eher Kanäle.
Die reißenden, ihr Bett übertretenden,
flutenden Gewässer
kenne ich nur vom Hörensagen.

Mit dem Meer verhält es sich anders:
Ich habe Ozeane überflogen,
ziemlich bewusst,

obwohl ich das Wasser unter mir
nicht sah. Ich sah nur weiße Wolken,
blauen Himmel, dunkle Nacht.

Und ich habe am Atlantik gestanden,
und die Gezeiten bestaunt. Flut und Ebbe.
Und widerstand

dem Sog der großen, gewaltigen Fläche,
auf die ich Steine warf.
Mit Tränen in den Augen,

die niemand sah,
weil das nicht das Bild war,
das ich von mir hatte.

Und erst recht nicht die anderen.
Die sahen mich als Fels
und zählten Steine …

Heute zürne ich dem Blau im Himmel
und benenne jene Stellen in Fiktionen,
die meine inneren Wogen wallen lassen.

Und ich schreibe
Brückentexte.
Weil ich Flüsse nicht verstehe.

Weil ich nichts verstehe.
Weil ich nicht alles verstehen muss.
Denn alles ist im Fluss.

Und es wäre nur ein Sprung.

weiter

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