111. – Kurzsichtig

Wir hatten uns seit fünfzehn Jahren nicht gesehen, oder mehr, jedenfalls nicht seit dem Abitur, so stellten wir fest. Wir sprachen bei gepflegten Bieren über den Werdegang dieser und jener Klassenkameraden und über verstorbene Lehrer und über das Älterwerden im Allgemeinen. Auch über das wenige verbliebene ergraute Haar auf meinem Kopf im Besonderen. Wir waren fünf Jahre lang in einer Klasse gewesen, aber hatten damals nie einen Draht zueinander gehabt.
»Was für eine wunderschöne Frau«, dachte ich immer wieder, und bin mir sicher, dass meine bewundernden Blicke ihr nicht entgangen sein können. Das gibt es: Frauen, die erst mit Mitte dreißig zu sich finden, und eine reife Schönheit entfalten. Als Schülerin war sie eher unscheinbar gewesen. Und solange ich sie gekannt hatte, hatte sie immer den einen festen Freund.
Nachdem wir zum dritten Mal betont hatten – immer beim Anstoßen der frisch gezapften Biere –, was für ein Zufall und wie schön es sei, dass wir uns hier, in dieser großen Stadt, getroffen haben, wagte ich es doch, mich nach dem Freund zu erkunden. Ich hatte gezögert, weil es mir unangenehm war, dass mir sein Name nicht einfallen wollte.
Ich beugte mich in ironischer Diskretion vor, um die Taktlosigkeit der Frage zu überspielen.
»Sag’ mal, warst du nicht verlobt?«, flüsterte ich. Ich sah keinen Ring. Sie beugte sich ebenfalls vor und hob die linke Hand vor ihr Gesicht, schielte auf den Ringfinger, und zeigte mir die Hand.
»Schau mal genau hin.« Sie hatte meine Blicke verfolgt und richtig gedeutet. Sie bot mir ihre Hand, die ich ergriff.
»Kannst auch mal fühlen. Du Charmeur«, kicherte sie. Ihr Lächeln. Tatsächlich war an ihrem linken Ringfinger eine Delle zu spüren. »Zehn Jahre verlobt. Verrückt, oder?«
Das ging nicht auf. »Und was war mit den restlichen acht oder so Jahren?«, denke ich noch.
»Dann haben wir uns getrennt«, kam sie meiner Frage zuvor.
Geht immer noch nicht auf. Ich streichle grübelnd die Stelle an dem Finger, der eigentlich ihr gehört.
»Hab’ ihn nach sieben Jahren erst abgenommen. Na, fast sieben Jahre.« Sie lächelt. »Hatte mich so dran gewöhnt.«
»Und was war die sieben Jahre?«, denke ich diesmal gleich laut und schaue hoch.
Unsere Gesichter sind kaum eine Handbreit voneinander entfernt. Sie ist wirklich schön. Diese zögernden Lippen, grüne Augen.
»Hast Du damals schon eine Brille getragen?«, frage ich sie plötzlich.
Sie stutzt, lacht aber gleich erleichtert. »Schon seit der Grundschule, du Charmeur. Aber du nicht.«
»Stimmt; die habe ich erst beim Studium gebraucht.« Ich schiebe die Brille hoch, irritiert. Warum erinnert sie sich?
»Aber du hattest ständig Kopfschmerzen beim Abi, hättest sie wohl schon früher gebraucht. Wie du immer mit den Augen gekneistet hast, wenn du was an der Tafel lesen wolltest.«
Ich hatte damals nicht in Betracht gezogen, kurzsichtig zu sein, und die Kopfschmerzen auf den Stress bezogen.
»Tja, schon damals die ersten Anzeichen von Gebrechlichkeit«, sage ich verlegen, ertappt. Ihre Hand ist noch in meiner. Ich lasse sie sanft los, aber sie zieht sie nicht zurück.
Wir sehen uns in die Augen.
Ich höre das Klicken der Brillen beim Kuss.

Den Ring hatte sie bei dem ersten Bier abgenommen, gesteht sie mir später.

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