58. – Spätsommer-Frühherbst

Unentschlossener Wechsel der Windrichtungen. Wie die Jahreszeit: weder Frühherbst noch Spätsommer. Flatternde Seiten.
Ich erhebe meinen Blick vom Buch. Eine Bewegung am Rande meines Sichtfeldes lässt mich den Text nun vollends nicht mehr erfassen.
Es ist ein Blatt, das mir vom gepflasterten Parkweg auflauert. Ich verweigere ihm den direkten Blickkontakt. Es verweilt zunächst in der Unschärfe jenseits meines Brillenrandes. Ich schiebe entschlossen meinen Unterkiefer vor und schaue stur geradeaus.
Es täuscht einen Rückzug vor. Darauf falle ich aber nicht herein, und behalte meinen Daumen im Buch, an der Seite, auf der ich das Lesen unterbrach.
Schon der nächste Windstoß schubst das Blatt in die Mitte meines Blickfeldes. Auf diese Weise ermutigt, vollführt es vor mir angeberisch kühne kleine Salti.
Doch das Blatt ist ausgetrocknet und farblos, bis zur Rundheit um einen Hohlraum gekrümmt, der jeder Bewegung auf den Pflastersteinen raspelnde Resonanz verleiht.
Vor einigen Tagen, wenn nicht schon vor Wochen, muss es von seinem Ernährer abgeworfen worden sein. Abgenabelt und in die Welt fallen gelassen, ohne für sie bereit zu sein. Nun sucht es, sich selbst frische Jugendlichkeit einredend, einen auf einer Parkbank sitzenden Spielgefährten.
Seine Geschwister werden in einigen Wochen zur satten Farbenpracht im Park beitragen.
Beim nächsten Windstoß winke ich ihm Adieu.

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