33. – Schlüsselkind

Manfred starb bei seiner Geburt. Er kam zu früh, wie ich, doch ich überlebte, künstlich ernährt wie die kleinen Kätzchen, die Mutti ständig nach Hause brachte, und die wir nur selten so gut aufpäppeln konnten, dass sie überlebten.
Mutti war Krankenschwester und sie fand die Kätzchen immer auf dem Krankenhausgelände.
Manfred wäre – auf den Tag genau – zwei Jahre älter als ich. Er wäre das mittlere Kind, aber wie ich das sehe, gäbe es mich nicht, wenn er überlebt hätte, denn seine Totgeburt führte zur Scheidung meiner Eltern, die wiederum meine Zeugung zur Folge hatte. Doch das weiß ich so erst, seit ich im Besitz der Urkunden bin.
Ich stellte mir, als vermeintliches Einzelkind, vor, einen großen Bruder zu haben.
Ich stritt mich oft mit Mutti wegen der Zwangsernährung der Kätzchen, an der ich mich irgendwann nicht mehr beteiligen wollte.
Ich habe manch einen halben Schultag geschwänzt, um ein Kätzchen stattdessen auf meinem Bauch warm sterben zu lassen.
Und einmal – ich war dreizehn – sagte ich ihr, bevor sie zum Frühdienst ging, den Kätzchen wäre besser gedient, wenn wir die Mütter aufnähmen.

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