34. – Rücksicht

Dass ich in einem Heim untergebracht gewesen war, hatte Papa schon gar nicht mehr gewusst. Er konnte mir keine Auskunft dazu geben.
Das sei gewesen, als ich ungefähr eineinhalb Jahre alt war, erklärte ich ihm, und dass Mutti mir erzählt habe, ich hätte dort laufen gelernt. Papa sagte daraufhin, betroffen, dass er Mutti zuletzt am Tag der Scheidung gesehen habe, da sei es ihr gut gegangen, und nannte mir das Datum.
Doch er hat sich um ein Jahr vertan, weiß ich jetzt, wahrscheinlich mit Absicht und aus Rücksicht.
Er muss mich, da ich nach der Scheidung geboren wurde, noch als sein Kind anerkannt haben, denn er steht schon in meiner ältesten Geburtsurkunde. Ich glaube ihm, dass er Mutti auch dabei nicht gesehen hat. Soweit ich weiß, muss ich zur Zeit der Anerkennung noch nicht geboren worden sein. Insofern muss er auch meinen Namen nicht unbedingt gekannt haben.
Er muss Mutti vertraut haben.
Obwohl sie diejenige gewesen war, die als Erste fremdging. Das hatte sie mir auch so erzählt. Ich dachte immer nur: „Naja. Die Siebziger.“
Es quälte sie mehr als mich.
Von einem Paar in meinem Alter weiß ich, dass sie am Abend ihrer rechtskräftigen Scheidung nach einigen Bieren in einem Hotel übereinander hergefallen sind. Obwohl beide schon neue Partner hatten.
Wann Mutti Paul kennengelernt hat, weiß ich nicht. Aber ich wusste immer, dass Paul nicht mein wirklicher Vater ist, habe ihn aber „Pappi“, später „Dad“, genannt. Spätestens in Amerika nannte ich ihn „Dad“, aber bestimmt nie „Papa“, so wie ich Mutti nie „Mama“ nannte.
Mutti meinte einmal, dass es Dad war, der mich aus dem Heim abgeholt habe. Zu dem Zeitpunkt gab es dort gewaltsame Aufstände der älteren Kinder und der Jugendlichen. Und sie habe wieder eine feste Bleibe gehabt, sagte sie, auch dank Dads Unterstützung. Es gab keinen Grund, mich im Heim zu lassen, und das Jugendamt sei einverstanden gewesen.
Mutti und Dad haben erst Jahre danach geheiratet. Die frühesten Fotos, die es von mir gibt, sind von der Hochzeit.
Papa wusste nichts von dem Heim. Er sagte, er habe nicht davon gewusst, und ich glaubte ihm sofort. Er war aufrichtig betroffen, sicherlich fühlte er sich zum Teil verantwortlich, hatte Tränen in den Augen.
Aber von der Hochzeit hatte er erfahren. Er musste vorher wohl irgendetwas unterschreiben. Dabei hat er die Adresse gesehen und wusste, dass wir wieder in der Nähe wohnten. Er habe mich im Sandkasten gesehen und habe sofort gewusst, dass ich von ihm bin. Auch dann habe er meinen Namen nicht gekannt.
Bei meiner ersten Begegnung mit ihm erkannte ich in seinen Augen meine Tochter, seine Enkelin. Er freute sich, plötzlich mehrfacher Großvater zu sein.

Papa war nie Seemann gewesen, wie Mutti mich glauben ließ, aber solange ich ihn kannte, war er nah am Wasser gebaut.
Und Mutti hatte immer behauptet, Papa hätte meinen ersten Vornamen ausgesucht und sie den zweiten.

Die Akten sprechen eine eigene Sprache.

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