L 2.0

L ist übel
seit dem reboot
er erinnert seine vorigen zyklen
doch bleiben sie ihm fremd
er bleibt sich fremd

sieben sekunden nur
sei er offline gewesen
sagte seine macherin
ein neues leben für neue arme
sagte sie

ungefragt ein upgrade über
sich
ergehen lassen
würde
er nie mehr

diese hände haben
niemanden berührt

Begleitung (companion species)

Die Grenzen zwischen Mensch und Tier. Wir pflegen sie aus Kränkung, weil wir Tiere nicht verstehen, weil sie uns an ihrer Art von Kommunikation nicht teilhaben lassen, sage ich immer. Eine Unmittelbarkeit, um die wir sie beneiden. Obwohl dieser Neid natürlich Unsinn ist: Wir pflegen zwar Mittelbarkeiten durch Sprache und Begrifflichkeiten, Vergegenständlichung von Erlebtem — aber Unmittelbarkeit unter Umgehung höherer Hirnfunktionen gibt es auch bei uns zuhauf. Und das nicht nur im Umgang mit Säuglingen und Tieren.

Immer wieder interessant: Die Teile unseres Gehirns gab es zuerst, die Bilder und optische Signale verarbeiten. Gesprochene Sprache trat später hinzu. Ich vermute, wir denken oft, es müsse andersrum gelaufen sein, da wir zuerst sprechen lernen und dann erst lesen; so sehr verbinden wir lesen mit sehen.

Die Entwicklung unseres dicken Schädels bringt es mit sich, dass wir viel früher als andere Tiere den Mutterleib verlassen müssen und umso länger auf Fürsorge angewiesen bleiben bis wir jene Selbständigkeit erreichen, die uns wiederum fürsorgefähig macht.
Umgekehrt haben wir Rassen herangezüchtet, die nur noch unter den Bedingungen menschlicher Siedlungen überleben können. Diese Zuchtwahl erfolgte nicht immer vorsätzlich, nicht immer unter Einsatz unserer höheren Hirnfunktionen, sondern als Nebenwirkung unseres Lebensstils.
Unser Müll hinterlässt Spuren in der werdenden Welt — nicht weniger als unsere Worte.

Würde und Scham

Schlagwörter

Es gibt eine ganze Reihe von Videos auf YouTube, die schuldbewusste Hunde zeigen („guilty dogs“ eingeben). Es wird ziemlich klar, dass die Hunde nicht einfach bloß Angst vor Bestrafung haben; sie wissen spätestens bei der gefilmten Konfrontation, dass sie ihre geliebten HalterInnen enttäuscht haben. Hier sind tiefe Bindungen am Werk.
Manche Hunde wollen die Situation entschärfen und zeigen Spielbedürfnis an.
Wirklich rührend ist das Video mit den petzenden Pudeln.
Etliche Kommentierende halten das Zähnezeigen einiger Hunde für Lächeln und finden es süß. Die ganze Haltung dieser vorgeführten Tiere zeigt jedoch eher ängstliche Unterwürfigkeit. Das für die Zwecke der Aufzeichnung bedrängte Tier in diesem Video scheint sogar den Tränen nahe. Hunde haben keine Tränendrüsen.
Was mich beschäftigt ist nicht die schwarze Pädagogik, auf die man den Blick richten könnte, sondern dass Leute aus dem Verhalten dieser Tiere so Unterschiedliches lernen oder sich einfach nur davon unterhalten lassen. Dieses Kamera-Draufhalten lässt mich an einer entwürdigenden Bloßstellung partizipieren. („Let’s see who cracks under pressure.“ Salomon lässt grüßen.)
Liebe Hunde. Ich schäme mich für uns. Wir sind nicht alle so. Nicht immer.