Kreuzgang (Migrationshintergründe)

Walter hat mich immer mit „Heil Hitler“ begrüßt, wenn ich – einen Freund besuchend – an seiner Veranda (der „porch“) vorbei ging. Er mochte meinen „german“, wie er fand, Marschschritt. Walter war einige Jahre älter als ich, ein junger US-Amerikaner polnischer Abstammung, der seine ödipalen Konflikte passiv-aggressiv auslebte, indem er Begeisterung just für das System zum Ausdruck brachte, das seinen Vater und seine Mutter in den 40ern zur Ausreise nach Amerika gezwungen hatte. Walters Vater sprach nie mit mir. Ich war ein deutsches Kind. Mir war Hitler egal; ich wusste damals nichts von Nationalsozialismus oder Konzentrationslagern; Deutschland lag hinter mir. Ich erzählte aber meinem amerikanischen Stiefvater von Walter und von dessen kuriosen Art, mich zu begrüßen. Mein Stiefvater, der zur Zeit des Vietnamkrieges in Berlin als Soldat Dienst getan und hier meine Mutter kennengelernt hatte, suchte Walter auf und künftig verschwand Walter immer von der Veranda, wenn ich vor seinem Haus vorbeiging. Ich habe nie gefragt, welcher Art genau der Austausch zwischen den Beiden war. Ich hatte zu viel Respekt vor meinem Stiefvater.

lief

Die Lesung vorgestern lief ganz gut. Das Publikum blieb recht reaktionsarm, lachte zum Beispiel kaum, sodass ich nicht sagen kann, ob es ein Erfolg war. Das ist bei Lesungen mit mehreren Auftretenden nicht ungewöhnlich. Ich hatte Spaß.
Ich bin es gewohnt, Lesungs-Abende allein zu gestalten, sodass ich irgendwann „drin“ bin und die Spannung selbst manage. Konzentiert; ganz beim Text und somit beim Publikum. Besonders wenn Rückmeldung ausbleibt, komme ich nicht gut rein und muss mich entscheiden, ob wenigstens ich Spaß haben will, was auf Kosten der Konzentration geht, da ich mit jedem meiner Beiträge (wenn ich wieder dran bin) neu reinkommen muss. Atmung; Haltung. Lesungen sind anstrengend und sollens auch sein. Lesebühnen und Poetry Slam sind nicht mein Ding; bei denen frage ich mich oft, was der Zettel soll.
Ich habe also für meine Verhältnisse genuschelt und mich auch ein paarmal verhaspelt. Im Nachinein ist mir wieder mal klar, dass es bei Lesungen günstiger ist, früh die Unmittelbarkeit des Fehlers in die Performanz einzubringen (im Grund wie bei Lesebühnen), in Interaktion zu treten. Das Publikum bleibt sonst verunsichert, ob und wann es lachen darf. Geben und Nehmen.

dabei sein

http://www.periplaneta.com/event/lesung-maik-lippert/?instance_id=8460

Am 10. April 2015 ab 20:00 (bis 22:15 Uhr)
Periplaneta Literaturcafé Berlin
Bornholmer Straße 81A, 10439 Berlin
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Maik Lippert lässt art mitlesen, da Matt Grau ausfiel.
Musi gibts auch von Ute Danielzick und Jean-Claude.
Wirt lustich. Brachialromantisch.

Als Facebook-Veranstaltung:
https://www.facebook.com/events/1548013972153858/