Hüllen (Blicke und die Folgen)

In die Kamera sagt sie, SuperheldInnen würden hautenge Kostüme tragen, weil es leichter sei, anatomisch korrekte Figürchen zu zeichnen, die man lediglich mit Farben ausmalen müsse. Das Zeichnen von Kleidung stelle eine Herausforderung dar, der sich die ersten Comic-Zeichner — junge Männer allesamt — nicht haben stellen wollen. Ausflucht.

Meine Haut definiert, was von mir nach Eintreten des Todes zu bestatten sei. Welche Kleidung man meinem Leichnam anziehe, darüber möchte ich nicht bestimmen. Solang ich atme und schwitze, dringe ich ein in alles, was mich aufnimmt. Ich teile diese Luft mit dir. Vergiss diese Worte. Nichts gehört mir, erst recht nicht mein Tod. Kontakt.

Online-Datensätze bilden ab, wie es unter unserer Haut aussehe. In hauchdünne Scheiben geschnittene Menschen wurden digital zusammengefügt, um mir eines deutlich zu machen: Ich bin mehr als die Summe meiner Organe. Beerdigt mich ganz. Haucht mir mit eurem Erinnern immer wieder Leben ein. Gedenkt meiner Stimme; vergesst meine Stimmbänder. Gnade.

Diagnosen und die Folgen

Diagnostizieren heißt lernen, etwas in Erfahrung bringen und kommunizieren. Naja … Könnte lernen heißen.

Man spricht heute zunehmend vom Lernen als Aushandlung von Bedeutungen (negotiation of meaning). Wir wissen heute, dass wir situiert lernen. In der sozialen Wirklichkeit gibt es meist ein Machtgefälle, sodass wir uns der Bedeutungen derer annehmen, die

  • vorne, an der Tafel stehen, während wir sitzen — oder derer, die
  • am Bettrand stehen, während wir liegen — oder einfach derer, die
  • hinterm Schreibtisch sitzen in einem Raum, in dem wir die Eindringlinge sind.

ExpertInnengläubigkeit.

Das System: „Ich dir geben, was ich für deinen Bedarf halte; du mein Einkommen sichern.“ Da lebt jemand von Krankheit und nicht von Gesundheit, geschweige denn von Heilung. Stichworte Befunds- und Apparate-/Präparatemedizin. Zu wenig Miteinander. Zu wenig Anpassung der Umgebung an die Bedürfnisse Erkrankter. Möglichst viel soll in der Praxis (die Räume meine ich) geregelt werden.

An Diagnosen hängen Schicksale.

Ich arbeite mit „Andersdenkenden“, die sich oft nicht gut ausdrücken können. Eher medizinisch ausgebildete Fachmenschen kommen mit ihren fachspezifischen Klassifizierungen der Wirklichkeit meiner Arbeit häufig in die Quere.

Ich greife mal vor …
Es gibt Aufgaben. Wer sie miterfüllen darf, Teilhabe, wird zu häufig von MedizinerInnen bestimmt, statt von Leuten, die die Diagnostizierten im Alltag — außerhalb der Labore und Tabellen — kennen. Das ist nicht den MedizinerInnen persönlich anzulasten, dass sie „unsere“ Leute nicht kennen. Die MedizinerInnen leiden selbst oft darunter. (Entfremdung vom Produkt, sozusagen. Denn — let’s face it — Medizin ist industrialisiert; da greift Marx.) Und dann geben wir Begleitende, medizinische LaiInnen, die Einschätzungen ab, nehmen Diagnosen vorweg. Und dadurch kommt uns noch mehr Macht zu als wir ohnehin zu viel über unsere KlientInnen haben.

Zwischen dem Ort des Lebens und dem Ort der Diagnosen ist zu viel Abstand zu überwinden. (In Heimen, die ÄrztInnen vor Ort vorhalten ist dieser Weg weniger geografisch als von der Anonymität großer Zahlen getragen. Und Heime dieser Größe bieten oft kaum noch Teilhabe, sind eher auf Pflege konzentriert.)

MedizinerInnen müssten mehr gleichberechtigte Nähe zu ihren PatientInnen pflegen (können). Dann fielen die Diagnosen differenzierter und somit realistischer aus. „Behandlungen“ würden hier und da gänzlich entfallen.
Heilung — so lerne ich zunehmend — hat eher mit Annehmen, Akzeptanz des jeweils ganzen Menschen, als mit Kampf gegen einzelne Symptome zu tun. Diät statt Umstellung

Zurzeit kommen Diagnosen zu oft Verurteilungen gleich, landen in der Anamnese — auf ewig gespeichert, nicht hinreichend hinterfragt — und geben so den restlichen Lebensweg vor. Besonders bei psychiatrischen Befunden.

James Bond und die Folgen [korrigiert]

James Bond war von Fleming vornherein als Psychopath angelegt. (Dann kamen die Filme.) Bei Sean Connery (als Comic-Figur) und neuerdings bei Daniel Craig (mitsamt Suff) kommt das darstellerisch-filmisch durchaus auch zum Ausdruck. Die anderen Darsteller begingen die Tötungen mit einer Beiläufigkeit, die keinerlei Reflexion begünstigte. Sie sahen gut aus. Whatever. Manche finden, dass die Gesellschaft für Aufgaben dieser oder jener Art PychopathInnen brauche. Kein Ding, was mich angeht, wenn man sie nach Gebrauch nicht wieder in die Gesellschaft einzugliedern versucht, in der ich zu leben versuche. [Ironievermerk hier.]

Die echten Spione, die in diesem verstörenden Artikel zitiert werden, empfinden sich als Helden. Snowden sei ein Verräter. Sie dehnen ihr Macho-Beschützer-Selbstbild, das als Instinkt evolutionär der eigenen Familie galt, nicht so sehr auf den Staat aus, dem sie abstrakt zu dienen glauben, als lediglich auf die Spy-Community, der sie konkret angehören. Sie fühlen sich von Snowden gekränkt. Sie sehen schlecht aus.

Und hier fällt ein Baum im Wald um. Und niemand beschwert sich. Also steht er noch. Oder was?

Dieser Schlag Mensch erhebt Herrschaftsanspüche über die Welt. Just sayin‘. Ich bleibe – bei aller testosterongeladenen Skepsis – Feminist.

[18.01.14: Sprachlich überarbeitet und konkretisiert. Es handelt sich ausschließlich um Links zu englischsprachigen Beiträgen. Sorry.]