Tropfen (kurzsichtig II)

Sie nimmt ihre Brille ab und putzt sie mit ihrem Blusenzipfel. Ich sehe ihren Bauchnabel. Und höre den Ersatzknopf, der oft innen an Knopfleisten angenäht ist, auf dem Glas reiben. Sie auch: »Oh.«
Ich lächle. Warum ist sie so nervös?
Fast achte Jahre haben wir uns nicht gesprochen.
»Wir können reingehen, Astrid«, schlage ich vor, »Vielleicht wird der Regen stärker.«
»Nein. Ich mag doch Sommerregen. Weißt du doch.«
Wir schauen beide hoch. Der Himmel ist fast klar.
Sie legt die Brille ab. »Brauch ich eigentlich nur zum Fahren. Sind außerdem getönt.«
Die Getränke werden gebracht. Politisch korrekte Limonade für sie; Bier für mich, mein zweites.
Ich hebe mein Glas: »Schön, dich wiederzusehen.« Ich meine es ehrlich.
»Sagtest du schon.«
Sie atmet durch, rollt mit den Augen. »’Tschuldigung«, seufzt sie, »ich bin irgendwie … Ich weiß nicht …«
Sie setzt erneut an: »Früher hast du gar nicht getrunken. Ich meine, du weißt schon, Alkohol, meine ich. Komisch, dich hier anzutreffen. Du warst immer so’n … Asket.«
Astrid war nie enthaltsam, ging immer ohne mich aus.
»Früher hast du immer ›Stoffel‹ gesagt.« Ich zögere. »Ich habe dich hier schon ein paar Mal vorbeiflitzen gesehen. Aber ich wollte nicht aufspringen. Da habe ich drinnen gesessen.«
Soll ich fragen, was sie so oft im nahegelegenen Amtsgebäude macht? Familiengericht. Über manche Sachen spricht man nicht im Vorübergehen.
Womöglich hatte sie sich von Olli getrennt, diesem DJ. Sie haben zwei Kinder zusammen, hat man mir erzählt.
Sie schaut sich um. »Aber jetzt konntest du es nicht vermeiden. Ich hab’ dich ja fast umgerannt.«
Ich versuche, mich nicht gekränkt zu fühlen. »Du hast mich umgerannt. Komisch. So in Eile und dann Zeit für ein Bier …«
»Eine Bionade«, korrigiert sie mich.
»Okay. Geht trotzdem auf mich.«
Sie lächelt kurz, greift nach dem Glas.
Astrid schaut mir zum ersten Mal wirklich in die Augen. »Warum sitzt du hier alleine? Erwartest du jemanden?«
Ich mochte schon immer ihren leichten Silberblick. »Nein. Ich muss nichts für die Getränke zahlen. Ich hatte den Laden geerbt, sozusagen. Von meiner Tante. Erinnerst du dich an die? Und habe ihn gleich wieder verkauft. Das Haus ist noch zum Teil meins. Die Wohnungen werde ich nicht los. Brauchst du nicht eine?«
»Deine Tante. Habe ich die kennengelernt?«
Sie hat meine ganze Familie kennengelernt. Ich habe Astrid jedem, aber auch wirklich jedem vorgestellt, damals. Ich habe sie sehr geliebt, damals.
»Ach, die mit der Frisur!«, fällt ihr ein, »Stimmt, das war deine Tante. Wir sollten sie ›Ginger‹ nennen, obwohl sie Inga heißt.«
»Ja, hieß sie. Bei ›Tante Inga‹ wurde sie sauer.«
»Ginger ist tot? Die mochte ich. Und warum hast du geerbt? Sie hatte doch Familie.«
Das ist lange her. Fast sechseinhalb Jahre. Trotzdem muss ich luftholen. Und ich habe es ja schon oft erzählt. »Du, die sind alle gestorben. Auf einer Skifahrt. Mit meinen Eltern. Eine Lawine. Die ganze Hütte verschüttet.«
»Nee!«, sagt sie misstrauisch.
»Doch«, sage ich, »Ich war nicht dabei. Examensvorbereitungen.«
»Scheiße«, sagt sie, »Scheiße.«
»Ja«, sage ich, und nehme einen Schluck.
Sie schaut die Straße hoch, zum Gerichtsgebäude. Feuchte Augen.
Und dann ist sie ganz die alte: »Und seitdem trinkst du?«
Wir lachen.
»Und seitdem trinke ich«, sage ich.

[2010/2011]

Das globulare Dorf

Rosi Braidotti spricht von „nomadischen Subjekten“ der Postmoderne. Wir seien — nach Deleuze/Guattari — Vielheiten. Im Netz: Je nach dem, „wo“ wir uns einloggen, sind wir jeweils Andere.
Es ist schwer, in Internet-Gemeinschaften jene Kontinutität zu wahren, die man aus dem realen Leben gewohnt ist. Konstruiert ist es. Bemüht. Das Neue reizt. Die Neuerfindung eines Selbst.
Man würde meinen, dass durch das hiesige Kommen und Gehen die Inhalte wichtiger würden (als die Sozialdaten und Biografien, beispielsweise); dem ist aber nicht so, stelle ich oft fest. Immer noch geilen sich Leute „am Autor“ auf, statt sich über „den Text“ zu unterhalten und was der mit ihnen macht. Ablenkungen, Projektionen. Ausflüchte.
Vor dem Internet konnte man nicht so deutlich vernehmen, dass die Botschaft „im Empfänger“ entsteht. Ist Empfang wirklich so sehr gleich Konsum, wie es mir zurzeit (noch) erscheint? Dann entsteht da nämlich nichts – in den EmpfängerInnen. Dann klatscht das Gesendete nur auf.

Schall und Rauch im Vorzimmer

„Tina, kannst du mir noch mehr auf den Sack gehen?“
„Weiß nicht. Kann ich?“
„Nein, kannst du nicht!“
„Was’n los, Matze, haste deine Tage, oder so?“
„Mädchen, du pfeifst die ganze Zeit vor dich hin; merkst du das gar nicht?“
„Nee, was pfeif‘ ich denn?“
„Na, irgend so einen Modern-Talking-Scheiß.“
„Kann gar nich‘ sein, Modern Talking ist scheiße.“
„Eben. Und pfeifen kannst du auch nicht.“
„Aber erkannt hast’es!“
„Aua! … Tina, wie schreibt man ‚Rhetorik‘? Mit H?“
„Jupp.“
„Und wo?“
„Nach’m R. Is‘ griechisch. Kennste kein Rho?“
„Doch. Klugscheißer. Kennst du kein Theta?“
„Klugscheißerin, wenn ich bitten darf. Mach doch die Rechtschreibprüfung an.“
„Habe ich, aber die ist auf Deutsch eingestellt.“
„Aua!“
„Wann hast du denn dein Graecum gemacht, Tina?“
„Mann, Ich hab‘ kein Graecum; ich bin nur gebildet.“
„Gut gebildet bist du, Weib.“
„Du meinst ‚gut gebaut‘. Chauvi.“
„Sorry … Anglizismus. Wie schreibt man ‚Chauvi‘?“
„Weiß nicht. Schreib doch ‚Macho‘.“
„Wollt’s ja gar nicht schreiben.“
„‚Macho‘ passt gut zu dir. Ich nenn‘ dich ab jetzt so.“
„Okay. ‚Matze‘ gefällt mir eh nicht.“
„Schreibt sich ‚Matthew‘ eigentlich auf englisch auch mit zwei T? Wie ‚Matthias‘?“
„Jupp … Zuhause nennen mich alle ‚Matt‘. Heißt du eigentlich wirklich ‚Tina‘?“
„Nee. Martina. Sagt aber kein Mensch.“
„Kann man zu dir dann nicht auch ‚Matze‘ sagen?“
„Hmm … Kann man.“
„Wenn wir ein eigenes Büro haben, dann nennen wir es ‚Matze & Matze‘!“
„Willst du ein eigenes Büro haben?“
„Na, klar. Du nicht?“
„Mit dir? Warum?“
„Dann könnten wir Sex haben.“
„Könnten wir nicht. Macho.“
„Matze.“
„Auf welchem Schreibtisch?“
„Hmm?“
„Auf welchem Schreibtisch würden wir Sex haben? Auf deinem oder meinem?“
„Wir hätten nur einen. Und eine Matratze.“
„‚Matze und Matze und ’ne Matratze.'“
„Yo.“
„Yo … Macho, bist du gar nicht schwul?“
„Nein, nur Engländer.“
„Hä?“
„Ich klinge nur schwul für deutsche. Wegen des Akzents.“
„Du findest mich ziemlich scharf, oder?“
„Jupp. Wir könnten sogar den Schreibtisch weglassen. Naja, und die Matratze, von mir aus.“
„Dann bin ich aber oben.“
„Deal.“
„Deal … Soll ich den Chef bitten, einen Teppich zwischen die Schreibtische verlegen zulassen?“
„Sehr rücksichtsvoll, aber unnötig. Zuhause habe ich einen zum aufrollen.“
„Aus religiösen Gründen?“
„Für Sport. Rückenübungen und so.“
„Also ’ne Matte.“
„Jupp. Eine Matte.“
„Oh, je.“
„Warum ‚Oh, je.‘?“
„Dann stehen wir morgen um halbneun hier auf der Matte?“
„Ohoho. Deal … Also, wenn wir stehen, dann können wir die Matte auch weglassen.“
„Stimmt.“
„Tina? Warum haben wir dann nicht gleich Sex?“
„Weil wir gleich Feierabend haben, mein Lieber. Du bist wirklich nich‘ schwul, wa‘?“
„Nee.“
„Und der Chef?“
Der ist schwul. Was meinst du, wie ich den Job hier bekommen habe?“
„Macho.“
„Matze.“

[Januar 2008]